Süddeutsche Zeitung

Halluzinationen bei der Körperwahrnehmung:Hirngespinste

Sie halten den Partner für einen Doppelgänger und fühlen sich verfolgt von ihrem eigenen Gesicht: Viele Menschen erleben irgendwann Halluzinationen, weil ihre Körperwahrnehmung gestört ist.

Wohin sie auch die Augen wendet, es ist schon da: ein Gesicht halb durchsichtig. Es schwebt vor ihr in der Luft, drängt sich beim Blick in die Handtasche dazwischen. Es äfft ihre Miene nach, denn es ist ihr eigenes Gesicht, das sie verfolgt.

Die junge Frau, die seit einem Schlaganfall von ihrem eigenem Gesicht verfolgt wurde, ist nur eines von Dutzenden Fallbeispielen für sogenannte Selbstwahrnehmungsstörungen, die der Wahrnehmungsforscher Olaf Blanke an der ETH Lausanne gesammelt hat. Er sagt: "Man muss nicht verrückt sein, um Dubletten des eigenen Körpers zu sehen."

Das Gefühl, der Körper sei aus einem Guss und man befinde sich in ihm, ist nicht selbstverständlich: Jeder Zwanzigste erlebt im Laufe seines Lebens, wie fragil die Beziehung zwischen dem Selbst und seiner Behausung ist.

Man glaubt Doppelgänger zu sehen oder sich außerhalb seines Körpers zu befinden. Was früher Stoff von Schauergeschichten war, wird mittlerweile im Labor untersucht.

Ihr wird unbehaglich unter der Videobrille. Ein leichter Schwindel und dann macht sich das Innere selbständig, es geht einen Schritt nach vorne. Sie muss noch an derselben Stelle sein und ist doch nach vorne gerückt.

Mit einfachen Mitteln erzeugt Jane Aspell, Biologin in Blankes Arbeitsgruppe, bei ihren Probanden Doppelgängerillusionen. Sie tippt ihnen mit einem Stock an den Rücken, während eine Kamera von hinten die Szene mitschneidet. Das verfolgen die Versuchsteilnehmer auf einem Mini-Bildschirm, den sie vor den Augen tragen: Sie sehen sich selbst zu, während sie am Rücken berührt werden. Das ist eine Perspektive, die das Gehirn von sich weisen müsste - und die trotzdem das Gefühl erzeugt, sich weiter vorn zu befinden, als es die Bewegungssensoren in den Beinen berichten. "Die visuellen Reize werden von den Berührungsempfindungen scheinbar bestätigt", erklärt Aspell. "Denn jede vorne gesehene Berührung wird von der entsprechenden Empfindung begleitet. So können sie die mechanischen Signale überstimmen."

Hakt es beim Abgleich zwischen diesen Sinnesinformationen und der Körperposition, behilft sich das Gehirn mit einer weiteren Version der Person.

Das Denkorgan analysiert unablässig, was die Sinne aus der Umwelt und unserem eigenen Körper herauslesen und zieht daraus seine Schlüsse. Am Hinterkopf laufen die Aufzeichnungen der Augen ein, unter dem Scheitel werden Sensorinformationen aus Muskeln, Sehnen und der Haut gesammelt, dazwischen liegen Regionen, die für die Wahrnehmungen unseres Gleichgewichtsorgans zuständig sind.

Durch Untersuchungen an Epileptikern des fokalen Typs, bei denen die Bereiche des Gehirns, die den Anfall auslösen, eng umgrenzt sind, weiß man inzwischen, wo der Platzanweiser sitzt, der aus allen diesen Informationen die Position unseres Körpers bestimmt: Eine Falte an der Schnittstelle von Scheitel- und Schläfenlappen des Großhirns ist unser Sextant. Nimmt ein Anfall hier seinen Anfang, sodass die Positionsinformationen von Haut, Muskeln und Augen nicht mehr zur Deckung gebracht werden, beginnt das Gehirn zu halluzinieren.

Je stärker dabei der Gleichgewichtssinn in Mitleidenschaft gezogen wird, desto mobiler wird das Ich: Bei sogenannten autoskopen Halluzinationen sieht man in seiner Umgebung Doppelgänger.

Bei der Spiegelbildillusion kann man sich nicht entscheiden, ob man lieber in seinem ursprünglichen Körper oder in der Kopie Aufenthalt nehmen möchte. Bei der Out-of-Body-Erfahrung schließlich verlässt das Ich den Körper und betrachtet ihn von außen.

Er schreckt hoch. Etwas stimmt nicht: Ein Mann liegt an seiner rechten Seite. Er möchte ihm ins Gesicht sehen, dreht den Kopf, doch der vertraute Fremde dreht sich gleichzeitig. Und dann sieht er sie alle, die ganze fünfköpfige Familie, Frau, Sohn und zwei Töchter, die auf seinen Begleiter folgen - alle bewegen ihre Glieder synchron zu seinen eignen.

Es war ein Tumor, der bei einem österreichischen Töpfer gleich eine ganze Familie von Begleitern hat auftreten lassen. Diese imitierten jede seiner Bewegungen, außerdem glaubte er, dass er sich eine Seele mit der Familie teile. Zugleich fiel den Ärzten auf, dass der Töpfer die fünf so detailgetreu beschrieb, als hätte er eine Farbfotografie vor sich.

Bei vielen Double-Sichtungen erstaunt die Liebe zum Detail, mit der der Geist seine Hirngespinste gestaltet. Manche Patientinnen beschreiben korrekt jeden Pinselstrich im Make-up. Es ist, als würde sich das Gehirn besonders anstrengen, damit wir seine Illusionen für Realität halten. Dabei ruft es einfach nur detailgetreue Körperbilder aus seinen Erinnerungs-Galerien ab.

Lesen Sie weiter, warum unser Selbst vielleicht nicht so einzigartig und eindeutig ist, wie wir immer dachten.

"Wer von denen bist du?"

"Während Double-Illusionen scheint vor allem der Scheitellappen des Gehirns ein Eigenleben zu führen", sagt Blanke. Hier befindet sich die Schaltzentrale der Körperempfindung, der somatosensorische Cortex. Das ist die Empfängerregion für die Messdaten der Rezeptoren in Haut, Muskeln und Sehnen, die Temperatur, Berührung, Vibration und die eigene Bewegung wahrnehmen. Hier sind auch Landkarten des Körpers hinterlegt, jede Hautregion, jede Extremität hat eine eigene Gruppe benachbarter Nervenzellen, die speziell für seine Aufzeichnungen zuständig ist. Für jeden der vier Körpersinne liegt auf der Hirnrinde ein eigener Projektionskörper, ein sogenannter Homunculus. Diese Versionen unseres Selbst, meint Blanke, könnten so etwas wie die Zeichenvorlage für die verschiedenen Doppelgänger sein.

Jeder dritte Mensch, dem ein Körperteil amputiert werden musste, hat weiterhin Empfindungen in diesem Körperteil, denn die für ihn zuständigen Nervenzellen sind weiterhin aktiv. Sie finden Anschluss an benachbarte Netzwerke und zeichnen, sobald von dort Erregungswellen auf sie übergreifen, das Empfindungsbild des verlorenen Körperteils nach.

Körperdubletten, die allein aus dem somatosensorischen Cortex zitiert werden, lassen die vielleicht verstörendste Form dieser Phantome entstehen: den Eindruck einer unsichtbaren Anwesenheit. So berichtete der Züricher Neurologe Peter Brugger von einer Patientin, die seit einigen Wochen in ihrer Nähe eine Anwesenheit bemerkte. "Jemand, der sich meinen Berührungen entzieht und der nicht mit mir spricht, der mir aber nicht mehr von der Seite weicht." Sie hielt dieses Wesen für ihren verstorbenen Mann.

Erstaunen und Abscheu steigen in ihm auf, als er die Hand auf der weißen Bettdecke bemerkt. Sie liegt da als Spiegelbild seiner rechten Hand, aber ist so lang, so leblos wie eine tote Schlange. Dann spürt er, wie ihn jemand aus dem Klinikbett drängt. Er fällt zu Boden. Er denkt: Jetzt hat der Fremde in meinem Bett gewonnen.

Der Wiener Psychiater Otto Pötzl beschrieb 1925 erstmals den Fall eines Schlaganfallpatienten, der seine linke Hand nicht mehr als die seine erkannte und gleichzeitig dachte, an seiner Seite läge ein Unbekannter, der ihn aus dem Bett stoßen wollte. Diese sogenannte Somatoparaphrenie, die Vorstellung, eigene Körperteile seien fremd, tritt immer dann auf, wenn Gewebe in der rechten Hälfte des Scheitelhirns zerstört ist, wenn es also schon bei der Entstehung des Körperbildes selbst hakt.

Gesichtslos und graue Zwitterwesen. Der Mann hat nur noch Blicke für diese Schemen aus dem Projektor, hüpft, gluckst vor Begeisterung. "Wer von denen bist du?", fragt der Forscher. "Der dritte von rechts natürlich", sagt er. "Die anderen hampeln doch nur."

Was ein Körper haben muss, damit sich der Betrachter etwa beim Blick in den Spiegel mit ihm identifiziert und ihn vielleicht sogar für seinen eigenen hält, das untersuchen die Lausanner Forscher anhand von Avataren, virtuellen Stellvertretern der Versuchspersonen. Ihr Proband hat recht: Nur der dritte von rechts macht exakt dasselbe wie er, alle andern agieren mit einer Verzögerung von einigen Sekundenbruchteilen. Das reicht, um sie als Doppelgänger zu disqualifizieren. "Die Umrisse dieser Puppen hingegen sind austauschbar, äußere Ähnlichkeiten sind nicht nötig, nicht einmal menschliche Silhouetten", sagt Taj Tedi, als IT-Ingenieur für die Programmierung der Avatare zuständig. "Wesentlich sind die Bewegungen."

700 Kameras sind in dem Laborraum installiert. Sie verfolgen exakt kalibrierte Infrarotsignal-Punkte auf einem schwarzen Spezialanzug. Die Bewegungen dieser Punkte werden in Sekundenbruchteilen zu den Rechnern und von dort auf die Avatare übertragen, die auf der Leinwand vor dem Probanden den Stellvertreter geben. Der Arzt Lukas Heydrich arbeitet in der Avatarkabine mit Menschen, die am Capgras-Syndrom leiden. Diese können zwar ihre Familienmitglieder wiedererkennen, halten sie aber für Doppelgänger. "Solche Störungen könnten damit zusammenhängen, dass ihr Gehirn vertraute und fremde Bewegungen nicht mehr so gut unterscheiden kann", sagt er.

Wie Wissenschaftler um Wolf Singer vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung entdeckt haben, sind solche Verwechslungsfehler im Wahrnehmungsprozess des Gehirns angelegt. "Am Anfang wird einfach nur erkannt, ob es sich um einen Arm oder um ein Bein handelt", sagt Singer, "aber nicht, von wem es stammt." Die endgültige Klassifikation findet in einem Netzwerk statt, das zwischen den Homunculi im Scheitellappen und den analytischen Regionen hinter unserer Stirn hin- und herschaltet. "Das, was man Selbst nennen könnte, liegt erst am Ende dieses Weges, das ist ein Konstrukt unseres Frontalhirns", sagt Singer

Bei Schizophrenen konnte Heydrich zeigen, dass sich die Grenze verschiebt zwischen dem, was noch als eigene Bewegung akzeptiert wird und dem, was als fremd gilt. Während gesunde Versuchspersonen angesichts eines Avatars, der ihre Bewegung leicht verändert nachahmt, nur Abweichungen von weniger als zehn Grad tolerieren, werden Schizophrene erst bei einer Abweichung von 30 Grad und mehr aufmerksam.

Ich löse mich auf. Mein Bauch zerfließt, meine Arme und Beine verschwinden. Ich möchte schreien, aber da ist nichts mehr, was dem Willen gehorcht. Einsamer kann man nicht sein.

"Ein epileptischer Patient berichtete mir, dass sein Körper während der Anfälle verschwindet", sagt Heydrich. Die Epilepsie ging von dem Bereich aus, der von Singer als möglicher Sitz des Selbst verdächtigt wird, vom frontalen Cortex. Und sie weist auf ein damit verbundenes System, welches das Gefühl fürs Selbst mit der Analyse von Bewegungen verknüpft. Um uns zu versichern, dass wir existieren, beobachten wir offenbar sorgfältig unsere Bewegungen.

Bei allem, was man heute über den Weg weiß, auf dem das Gehirn die verschiedenen Aspekte unseres Selbstgefühls konstruiert, drängt sich der Verdacht auf, dass unser Eindruck, ein einziges und eindeutiges Ich zu besitzen, vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes ein Hirngespinst ist. Aber es ist offenbar nötig, um uns Sicherheit zu geben. "Ob sie nun sich selbst einmal verdoppelt gesehen haben, einen unsichtbaren Begleiter spüren oder sich nicht mehr im Spiegel erkennen, das sind so seltsame Wahrnehmungen, dass immer ein irritierender Riss zurückbleibt", sagt Blanke.

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SZ vom 22.05.2010/jab
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