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Haie:"Auge in Auge mit den gefährdeten Räubern der Meere"

Eigentlich müsste sich der Hai vor dem Menschen fürchten, nicht andersherum. Um sich mit den Tieren also endlich auszusöhnen, könnte nun ein Buch dienen: Michael Mullers grandioser Bildband "Haie".

Von Gerhard Matzig

Es soll ja Menschen geben, die stehen im Sommerurlaub am raffaelloweißen Sandstrand, der von Palmen und skulpturalen Felsen begrenzt und so zum Paradies erhoben wird; sie schauen hinaus auf das verführerisch daliegende, seidig schimmernde Meer, so keck leckt es an den Knöcheln . . . und dann drehen sie sich schroff um und bringen sich am Hotelpool in Sicherheit. Sie haben es nicht so mit dem Meer, das für sie vor allem eines ist: das Wohnzimmer der Haie.

Übrigens gehört auch der Verfasser zu diesem besonderen Teil der Menschheit, der - etwas irrational und hysterisch womöglich - nicht mal den Zeh in Gewässer stecken kann, die größer als der Starnberger See sind, ohne sofort diesen einen, sehr speziellen Soundtrack im Ohr zu haben: Dada. --- Dada-dada. --- Dada. --- Dada-dada. --- Dadadadadadada. Grusel ist gar kein Ausdruck für dieses fieseste Intro aller Zeiten.

Wer je Steven Spielbergs Film "Der weiße Hai" aus dem Jahr 1975 gesehen hat, womöglich in allzu jugendlichen Jahren, der ist verloren für die Freude am Meer. Schnorcheln? Gottbewahre. Mit der Luftmatratze rauspaddeln? Wohl verrückt geworden. Denn dort draußen, das weiß der Cineast, wartet sie. Die Bestie. Die Fressmaschine. Die mit der Flosse, die sich deiner rotblauen Luftmatratze gleich mit der Geschwindigkeit eines Torpedos nähert.

Hunde töten jährlich 60 000 Menschen, Haie lediglich ein paar.

Das ist natürlich Unsinn, Fiktion. Auf der Liste der gefährlichen, gar tödlichen Tiere landet der Hai weit hinten. Stechmücken sind letztlich für den Tod von jährlich 500 000 Menschen verantwortlich. Schlangen bringen noch 85 000 Menschen ins Grab. Hunde töten 60 000 Menschen: durch Tollwut. Aus Hai-Attacken ergibt sich lediglich eine Handvoll Todesfälle jährlich. Im Vergleich zu den Stechmücken sind Haie verschmust. Trotzdem macht man sich in die schlotternden Badehosen, wenn in irgendeiner Pfütze irgendetwas nach Haifischflosse aussieht.

Tatsächlich ist es umgekehrt: Die Haie sollten sich eigentlich vor den Menschen fürchten. Biologen schätzen, dass etwa 100 Millionen Haie pro Jahr getötet werden. Die Bestände von einzelnen Hai-Arten sind dezimiert. Perfiderweise liegt das an der Haifischflosse, die nicht nur das ultimative Angstauslösemoment für Menschen ist, sondern auch ein Symbol menschlicher Gier. Vor allem in Asien werden die Flossen als Delikatesse gehandelt. Das ist lukrativ. Eine einzelne Flosse kann mehr als 1 000 Euro kosten. Haie sind also nicht nur Raubtiere, sondern vor allem auch Beute. Ein Drittel der mehr als 500 bekannten Haiarten ist vom Aussterben bedroht. Dabei sind Haie enorm wichtig für das Ökosystem. Trotzdem werden sie gejagt. Haie hätten daher allen Grund, in Panik zu geraten, wenn sie irgendwo eine Badehose am Horizont wahrnehmen. Wir müssen ihnen wie unheimliche Fressmaschinen vorkommen.

Um sich mit den Haien auszusöhnen, könnte uns nun ein Buch dienen: Michael Mullers grandioser Bildband "Haie" (Verlag Taschen, 334 S., 49,99 Euro). Darin sind die Fische als faszinierende Lebewesen zu sehen - auf eine Art, wie sie selten zu erleben sind inmitten ihres Habitats. Schon der Untertitel ist klug, nämlich sehr suggestiv gewählt: "Auge in Auge mit den gefährdeten Räubern der Meere". Räuber findet man instinktiv eher gefährlich als gefährdet. Aber genau um dieses schillernde Moment, da unklar erscheint, wer der Jäger und wer die Beute ist, geht es ja. Das gilt auch für die vielschichtigen Fotos.

Seit 60 Millionen Jahren schwimmen sie fast unbeeindruckt von der Evolution

Muller, Jahrgang 1961, ist ein amerikanischer Fotograf, der eigentlich nicht als Porträtist der Natur bekannt ist. Im Gegenteil: Er ist ein Experte des Artifiziellen, des Glamours und der Scheinwelten. Ausgebildet in Hollywood, hat er für etliche Mode- und Style-Zeitschriften gearbeitet. Vor der Kamera hatte er meist Stars und Sternchen. Seit er aber 2007 erstmals mit der Kamera auf Tauchgang ging, sind Meeresbilder von unerhörter Intensität entstanden. Vielleicht gerade deshalb, weil er selbst die Haie als Stars zeigt.

Sie sind übrigens nicht kuschelig, wie jeder Makrelenschwarm bezeugen kann: Es sind wilde und - in ihrem Reich - gefährliche Tiere. Aber eben auch gefährdet. Dabei sind es unfassbare, ungeheuer alte Wunder des Lebens: Seit 60 Millionen Jahren schwimmen sie fast unbeeindruckt von der Evolution und nahezu unverändert in ihrer vor langer Zeit perfektionierten Gestalt durch die Meere. Doppelt so alt wie die Dinosaurier, haben sie schon viel gesehen. Nur Menschen in Panik und Hysterie, die ihnen dennoch die Flosse absägen: Das begreifen sie noch immer nicht.

© SZ vom 06.08.2016

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