Pilze:Der Trick der Todeshaube

Pilze: Sieht aus wie angeknabbert, dabei ist er lebensgefährlich giftig: der Grüne Knollenblätterpilz.

Sieht aus wie angeknabbert, dabei ist er lebensgefährlich giftig: der Grüne Knollenblätterpilz.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Der Grüne Knollenblätterpilz, der jedes Jahr etliche Menschen tötet, ist selbst ein Überlebenskünstler: Ist kein Partner da, mit dem er sich vermehren könnte, klont er sich eben.

Von Tina Baier

Es ist überliefert, dass Kaiser Karl VI. im Jahr 1740 über Verdauungsstörungen klagte, nachdem er einen Teller Pilze gegessen hatte. Zehn Tage später war er tot; bald herrschte der Österreichische Erbfolgekrieg. Und sehr wahrscheinlich nahm das alles mit dem Grünen Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) seinen Anfang. Der Tod zehn Tage nach Auftreten der Symptome ist charakteristisch für eine Vergiftung mit dem Pilz, der auf Englisch nicht umsonst "Death Cap" heißt, "Todeshaube". Der Pilz stammt ursprünglich aus Europa, in Mitteleuropa wächst er oft in der Nähe von Laubbäumen wie Buchen und Eichen. Mittlerweile kommt er aber auch auf anderen Kontinenten vor, unter anderem in Australien und Amerika. Vor allem in den USA hat er sich schnell verbreitet.

Wissenschaftler der University of Wisconsin-Madison meinen jetzt geklärt zu haben, woran das liegen könnte. Ihrer Untersuchung nach, die auf dem Preprint-Server bioRxiv erschienen ist, kann sich die Todeskappe auch asexuell vermehren: also auch dann, wenn die Bedingungen ungünstig sind und der Pilz keinen Geschlechtspartner findet. "Die verschiedenen Reproduktionsstrategien der invasiven Todeskappen erleichtern ihnen wahrscheinlich ihre schnelle Verbreitung", schreibt das Team um den Botaniker Yen-Wen Wang in seiner Untersuchung.

Bei der asexuellen Vermehrung bildet der Pilz Sporen, die genetisch alle identisch sind und dieselben Erbgutinformationen enthalten wie das Individuum, aus dem sie entstanden sind. Die Nachkommen, die daraus entstehen, sind dann so etwas wie Klone des Ursprungspilzes.

Bei einer Vergiftung hilft im Spätstadium nur noch eine Lebertransplantation

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die asexuelle Vermehrung keine erst kürzlich entstandene Errungenschaft der Todeshauben ist. Sie tun es schon länger - nach Einschätzung der Wissenschaftler seit mindestens 17, vielleicht sogar schon seit 30 Jahren. Nur habe es bislang niemand entdeckt. Das würde auch erklären, warum Grüne Knollenblätterpilze, die 2014 weit voneinander entfernt gesammelt wurden, laut Studie genetisch identisch waren. Die Forscher fanden auch zwei genetisch identische Pilze, die im Abstand von zehn Jahren gesammelt worden waren: einer 2004, sein Klon 2014. Die Pilze halten also offenbar jahrelang so durch.

Auf Dauer ist diese Art der Vermehrung allerdings keine gute Idee. Mit unveränderlicher Erbinformation können sich Organismen schlecht an Umweltveränderungen anpassen. Um sich weiterentwickeln zu können, braucht es sexuelle Vermehrung, bei der das Erbgut zweier Individuen vermischt wird. So entsteht Nachwuchs mit neuen Eigenschaften und Fähigkeiten.

Amanita phalloides jedoch kann beides und hat daher beste Voraussetzungen, um zu überleben und sich zu vermehren. Das ist gut für die Todeskappe - aber schlecht für den Menschen. Denn der Pilz ist leicht mit beliebten Speisepilzen wie dem Frauentäubling oder dem Champignon im Frühstadium zu verwechseln. Das Tückische: Die ersten Symptome einer Knollenblätterpilz-Vergiftung, unstillbares Erbrechen, begleitet von choleraartigem Durchfall und heftigen Krämpfen, treten erst acht bis zwölf Stunden nach dem Verzehr auf. Das ist zu spät, um dem Opfer durch Magenauspumpen noch helfen zu können.

Danach scheinen sich die Patienten ein paar Tage lang zu erholen, doch der Schein trügt: Die Gifte des Pilzes schädigen die Leber. Die Folge ist eine Blutgerinnungsstörung mit Magen-Darm-Blutungen. Am Ende zerfällt die Leber regelrecht. Das Einzige, was einen Patienten im Spätstadium retten kann, ist eine Organtransplantation.

Der Grüne Knollenblätterpilz enthält einen ganzen Cocktail von Giften. Für Menschen am gefährlichsten sind die sogenannten Amatoxine. Hitze kann ihnen nichts anhaben, sodass sie auch beim Kochen nicht zerstört werden. Sieben Milligramm reichen, um einen 70 Kilogramm schweren Menschen zu töten. Diese Dosis ist nicht erst nach dem Verzehr eines ganzen Pilzgerichts erreicht: eine halbe Todeskappe genügt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieser Geschichte war anstelle eines Bildes mit Grünen Knollenblätterpilzen ein Foto von Gelben Knollenblätterpilzen zu sehen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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