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Gentechnik-Logo:Grüne Raute

Mit dem Logo "Ohne Gentechnik" will Agrarministerin Aigner mehr Transparenz für Lebensmittel erreichen. Doch "ein bisschen Gentechnik" bleibt erlaubt.

Marc Widmann

Kürzlich bekam die Molkerei Weihenstephan in Freising ungebetenen Besuch von Umweltschützern. Auf das Firmenschild klebten sie die fiktive Anschrift "Gen-Milchstraße 1", daneben betonierten sie einen Briefkasten in die Erde, gefüllt mit Protestschreiben. Es ging um das Kuhfutter. Die Tiere sollten nicht länger gentechnisch veränderte Pflanzen zu fressen bekommen, forderten die Aktivisten, und die Molkerei müsse ihre Produkte fortan mit dem Logo "Ohne Gentechnik" kennzeichnen. Die Polizei rückte an und trug die Demonstranten weg.

Im Verborgenen tobt seit Monaten ein Kräftemessen: Mit mehr oder minder großem Druck wollen Umweltschützer das Symbol "Ohne Gentechnik" in die Supermärkte bringen. Schon seit Mai 2008 ist es gesetzlich eingeführt, doch die Lebensmittelhersteller und Handelsketten ignorieren es nach Kräften. Erst etwa 20 Firmen haben ihre Produkte als gentechnikfrei gekennzeichnet, jede mit einem anderen Logo.

Um diesen Wirrwarr zu beenden und den Druck auf die Wirtschaft zu erhöhen, hat Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) am Montag in München ein grünes Signet mit einer stilisierten Pflanze präsentiert. Das einheitliche Symbol soll es Verbrauchern nun "einfacher machen, sich für Lebensmittel ohne Gentechnik zu entscheiden", sagte sie.

Wie sehr die Deutschen gentechnisch veränderte Nahrungsmittel ablehnen, zeigten sie schon vor zehn Jahren. Spektakulär scheiterte der Nestlé-Schokoriegel Butterfinger, hergestellt aus manipuliertem Mais - kaum jemand wollte ihn kaufen. Seither gibt es hierzulande praktisch keine Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Zutaten. Sie müssten laut EU-Recht auch eindeutig gekennzeichnet werden.

Anders ist das beim Futter: Viele Rinder, Schweine, Hühner oder Kühe werden seit Jahren mit manipulierten Pflanzen gefüttert, von den Verbrauchern weitgehend unbemerkt. Denn Eier, Fleisch oder Milch dieser Tiere müssen nicht mit dem negativ besetzten Hinweis auf Gentechnik verkauft werden. Umweltschützer stört das gewaltig. Für unser Vieh werde der Urwald in Südamerika abgeholzt und im großen Stil durch gentechnisch veränderte Sojapflanzen ersetzt, bemängeln sie.

Ein "Schlupfloch" nennt Ernährungsexperte Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg die Gentechnik im Tierfutter. Von verunsicherten Verbrauchern wird er immer wieder darauf angesprochen. Das einheitliche Logo könnte nun Klarheit bringen, sagt Valet. "Jetzt müssen die Anbieter Farbe bekennen." Wer es künftig nicht auf seine Produkte drucke, erwecke Misstrauen.

Im Agrarministerium wundern sich Experten, warum der Widerstand der Lebensmittelindustrie gegen das Logo "so fanatisch ist". Die Firmen fürchten vor allem, dass das neue Signet alle Lebensmittel, die es nicht tragen, zu Gentechnik-Kost stempele. Außerdem, so bemängelt der Branchenverband BLL, habe die Kennzeichnung ein Glaubwürdigkeitsdefizit. "Ein bisschen Gentechnik" im Futter sei nämlich weiter erlaubt: Vitamine und Enzyme zum Beispiel, die mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt werden. Im Ministerium vermutet man indes, dass die Industrie vor allem die Kosten der Umstellung scheut.

Im Herbst soll das neue Logo in die Supermärkte kommen. Ein neuer Verein aus der Wirtschaft soll es vergeben, die Länder sollen kontrollieren. Dann wird sich zeigen, ob die Verbraucher ihre Macht nutzen und die Industrie ein weiteres Mal in die Pflicht nehmen. So wie damals, beim Butterfinger.

© SZ vom 11.08.2009/beu

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