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Philosophie:Selbst Gott kann nicht alles tun

Gott

Leibniz ist nicht nur als Informationstheoretiker und Philosoph des Geistes in die Weltgeschichte eingegangen. Vielmehr hat er die Moderne geprägt, indem er ihr die beiden Möglichkeiten des Optimismus und Pessimismus vorgegeben hat. Selber gilt er als Optimist, weil ihm nachgesagt wird, er habe gelehrt, wir lebten in der besten aller möglichen Welten. Richtig ist, dass er sich in seinem monumentalen "Versuch der Theodizee" so ausdrückt. Dieser Text wird seit Voltaire und Schopenhauer deswegen meistens nur kolportiert, weil sie sich nicht die Mühe machten, das ganze Werk zu studieren.

"Theodizee" heißt Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel dieser Welt. Wie sollte Gott allwissend, allgültig und allmächtig sein, wenn es in seiner Schöpfung Bürgerkriege, Genozid und Hirntumore gibt? Das wäre doch alles vermeidbar gewesen. Daraus schließen bis heute viele, dass es Gott nicht geben kann.

Leibniz geht die Sache anders an. Eine seiner Hauptfragen ist, was es eigentlich bedeutet, dass etwas möglich ist. Bürgerkriege gibt es wirklich. Wären sie vermeidbar gewesen, wäre die Welt, in der wir leben, auch ohne Bürgerkriege möglich gewesen. Wer so spricht, macht vom Begriff der Möglichkeit Gebrauch.

An dieser Stelle formuliert Leibniz eines seiner berühmtesten Prinzipien, den Satz vom zureichenden Grund. Auf unser Problem angewendet, geht das so: "Alles Mögliche strebt nach Existenz." Damit meint er, dass alles, was machbar ist, auch gemacht wird. Wenn das stimmt, kann aber nicht alles gemacht werden (auch nicht von Gott!). Auch Gott kann nicht gleichzeitig ein Hotel und ein Atomkraftwerk an exakt derselben Stelle bauen, er kann es nicht zugleich wahr machen, dass 2+2=4 und dass 2+2=5 ist, es ist nicht möglich, dass zugleich Frank-Walter Steinmeier und Norbert Lammert Bundespräsident werden. Der Raum des Wirklichen ist eine Einschränkung des Möglichen; was wir getan haben, bestimmt mit, was wir geworden sind, auch wenn anderes möglich war.

Was verwirklicht wird, ist dadurch bestimmt, dass möglichst viel verwirklicht wird. Das ist Leibniz' Prinzip der ontologischen Großzügigkeit: Es gibt alles, was es überhaupt geben kann. Wenn es etwas gibt, gibt es demnach auch einen Grund für seine Existenz, da ja sonst anderes existieren würde. Wenn ich etwa Kaffeetrinker und nicht Teetrinker bin, gibt es dafür auch irgendeinen Grund.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger meint Leibniz mit seiner Behauptung, wir lebten in der besten aller möglichen Welten: Wir leben in der wirklichen Welt. Wer sich eine bessere ausmalt, kann das nur, weil er sich fürs Mögliche öffnet und dieses durchdenkt.