Klimakolumne:Fridays für den Frieden

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Klimakolumne: Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Mitstreitende noch ohne Masken am 24.1.2020 beim Weltwirtschaftsforum in Davos

Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Mitstreitende noch ohne Masken am 24.1.2020 beim Weltwirtschaftsforum in Davos

(Foto: Gian Ehrenzeller/dpa)

Seit zwei Jahren können "Fridays for Future" nur unter Pandemiebedingungen protestieren. Wie geht es der Protestbewegung an ihrem zehnten globalen Klimastreik?

Von Vera Schroeder

Zeit ist ein seltsames Phänomen. Die Klimabewegung "Fridays for Future", die heute zu ihrem zehnten globalen Klimastreik aufgerufen hat, organisiert sich mittlerweile länger unter den Bedingungen der Pandemie, als sie vor Corona überhaupt existierte.

Im August 2018 setzte sich Greta Thunberg, damals 15 Jahre alt, das erste Mal vor den Schwedischen Reichstag und hielt ihr "Skolstrejk för klimatet" (Schulstreik fürs Klima)-Plakat in die Luft. In Deutschland gab es im Dezember 2018 erste größere Proteste. Im März 2019 fand der erste globale Klimastreik statt, an dem nach Angaben der Initiatoren 2,3 Millionen Menschen in über 130 Staaten teilnahmen, im September 2019, beim dritten globalen Klimastreik, sollen es mehr als vier Millionen Menschen gewesen sein. Im Januar 2020 sprach Thunberg am Weltwirtschaftsforum in Davos.

Dann kam die Pandemie. Die Fridays, wie sie heute oft genannt werden, verlegten ihren Protest ins Internet, auf Zoom, in Whatsapp-Gruppen. Im vergangenen Jahr fanden zwar wieder Live-Demos unter strengen Hygieneregeln statt. Doch wirklich unbeschwerte Großveranstaltungen sind auch heute im Frühjahr 2022 noch nicht drin. Dazu kommt seit ein paar Wochen der Krieg in der Ukraine, der alles in einen neuen Kontext stellt.

Erstaunlich ist, wie unbeeindruckt sich die Bewegung von diesen Umständen zeigt. Wie stabil, fast stoisch die Schülerinnen und Schüler und jungen Erwachsenen einfach immer weitermachen, ihre Ziele recherchieren und formulieren, Strukturen anpassen, Schilder basteln. Als wäre es das Normalste von der Welt, dass man erst in einem Jahr zu einer weltweiten Jugendbewegung heranwächst, dann all diese Menschen digital zusammenhält, in Ortsgruppen organisiert, auch psychosozial (Psychologists for Future) durch die Pandemie begleitet und dann auch noch binnen weniger Wochen den Zusammenhang zwischen sich überschlagenden Krisen so klar formuliert, dass es plötzlich vollkommen logisch klingt, dass Fridays for Future immer schon auch eine Friedensbewegung waren.

Die Frage, ob sie erschöpft sind oder enttäuscht, dass sie zuletzt nicht mehr so sichtbar waren, stellen sie sich nicht

Versucht man in persönlichen Gesprächen abzuklopfen, wie groß das Maß der Erschöpfung nach all den digitalen Monaten ist, erntet man verständnisloses Kopfschütteln. Natürlich, gibt auch die Hamburger Sprecherin Elisa Baş, 20, zu, habe man auch ein paar Leute verloren, denen die digitalen Treffen zu anstrengend waren. Aber es kämen auch dauernd neue Menschen hinzu. Insgesamt halte sich die Zahl der Aktiven etwa die Waage derzeit. In den Friedensprotesten sieht Baş eine Chance, eine noch breitere Gerechtigkeitsbewegung anzustoßen. Dass es irgendwann ruhiger wird, diese Hoffnung habe ihre Generation sowieso schon aufgegeben, solange sich die Politik so sehr gegen Systemfragen wehre.

"Für uns ist klar, dass der Krieg und die Klimakrise Hand in Hand gehen", sagt auch Klara Bosch, 17 Jahre alt und Münchner Fridays-Sprecherin im Interview mit der SZ. Oder, etwas salopper, Luisa Neubauer, 25, gestern auf Instagram:"Morgen, Freitag, gehen wir in über 300 Städten in Deutschland auf die Straße, für Frieden und Klimagerechtigkeit. Und manche fragen sich jetzt so: Ey Leute, ist gerade Krieg in Europa, habt ihr denn keine anderen Hobbys, muss es denn ausgerechnet jetzt sein. Und ich beantworte Euch das: denn ja, es muss sein. Und zwar genau jetzt."

"Greta und Fridays for Future haben die Politik und Öffentlichkeit aufgeweckt. Sie haben die Debatte in Deutschland verändert", betont der Klimaforscher Stefan Rahmstorf immer wieder. Wovon sich die sogenannten Erwachsenen in den Entscheiderpositionen von Pandemiepolitik bis Energiewende durchaus was abgucken könnten: Sie zeigen, wie einfach es ist, bei der Sache zu bleiben, wenn man einmal ein klares großes Ziel formuliert hat, unter das sich alles andere sortieren lässt. Die Fridays planen schlicht und einfach weiterzumachen, bis die Politik die Aufgabe annimmt, die Klimakrise zu bewältigen und die Einhaltung der Ziele des Pariser Abkommens umzusetzen.

Die Frage, ob sie erschöpft sind oder enttäuscht, dass sie zuletzt nicht mehr so sichtbar waren, stelle sich bis dahin nicht. "Es gibt ja gar keine andere Möglichkeit", sagt Elisa Baş, "Wir müssen weitermachen und laut bleiben, solange die anderen so leise sind und sich an Krisen gewöhnen". Oder, in der taz, Luisa Neubauer: "Uns geht es nicht darum, dass sich Menschen für den Klima­streik interessieren, sondern dass Menschen die Klimakrise als das wahrnehmen, was sie ist: die größte Bedrohung der Menschheit. Und dass sie entsprechend handeln. Dafür ist der Streik nur ein Vehikel."

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

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