Forensik Die Privatsphäre des Serienmörders wird kaum jemanden kümmern

Vorausgesetzt, DeAngelo ist tatsächlich der seit Jahrzehnten gesuchte Golden State Killer, wird dessen Privatsphäre wahrscheinlich kaum jemanden kümmern. Der Fall könnte als leuchtendes Beispiel für die kriminalistische Nutzung öffentlich zugänglicher Erbgutdatenbanken in die Lehrbücher eingehen.

Dass das nicht immer klappt, zeigt jedoch ein anderes Beispiel, das mit demselben Fall verknüpft ist. Im vergangenen Jahr hatten die kalifornischen Fahnder die Polizei in Oregon City um Amtshilfe gebeten. Recherchen in einer anderen Erbgutdatenbank hatten zu einem 73 Jahre alten Mann in Oregon mit einem seltenen genetischen Merkmal geführt, berichtete die Nachrichtenagentur AP am vergangenen Samstag. Auf richterliche Anordnung hin nahm die dortige Polizei eine DNA-Probe von dem Mann. Sie stimmte aber nicht mit den Spuren des Golden State Killers überein.

Solche "falsch positiven" Treffer gibt es oft in der Ahnenkunde. Natürlich könnten auch Hacker die Daten in Genbanken ändern, um den Verdacht auf andere zu lenken. "Und es schleichen sich bei der Erbgutanalyse immer Fehler ein", sagt die Anthropologin Amade M'charek, die an der University of Amsterdam den Studiengang Forensische Wissenschaft gegründet hat. Falsche Verdächtigungen seien das größte Problem bei dieser Art der kriminalistischen Recherche. "Die Polizei muss sehr vorsichtig sein mit den Schlüssen, die sie aus Geninformationen zieht."

Einmal überführte ein Stück Pizza einen Verdächtigen

Um eine Panne wie in Oregon zu vermeiden, hatten die Ermittler vor ihrem Zugriff auf DeAngelo bereits das Erbgut des Verdächtigen untersucht, ohne dass dieser etwas davon mitbekommen hatte. Vielleicht fischten sie eine Zahnbürste aus dem Müll oder fanden DNA an einer ausgetrunkenen Limonadendose. Wie genau sie an die DNA gekommen sind, wollen die Ermittler nicht verraten.

In einem anderen Fall sammelte ein als Kellner getarnter Polizist in einem Restaurant das vom Verdächtigen benutzte Besteck und ein angebissenes Stück Pizza ein. Das genügte den forensischen Genetikern, um Erbgutspuren zu finden, die zum gesuchten Mann passten, ebenfalls ein Serienmörder im Ruhestand.

Hätte die Polizei darauf verzichten müssen, mit einem gefälschten Profil in der Erbgutdatenbank zu recherchieren, aus ethischen Bedenken und um falsche Verdächtigungen auszuschließen? "Das hätten wir sicher auch nicht richtig gefunden", sagt Amade M'charek, "wir wollen, dass die Polizei solche Verbrechen aufklärt, und hätten die Ermittler es nicht gemacht, würde man es ihnen wahrscheinlich irgendwann vorwerfen." Der Gesellschaft müsse jedoch klar sein, welche Konsequenzen die neuen Technologien mit sich brächten. Und dabei denkt sie nicht einmal unbedingt an die irre Idee einer genetischen Vorratsdatenspeicherung aller Bürger, um die Polizeiarbeit zu erleichtern.

"Einen sicheren Weg für Familienforschungsseiten gibt es nicht"

"Wir werden die Menschen nicht davon abhalten, die neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen", sagt M'charek. Deshalb müsse ihnen klargemacht werden, was für Folgen das haben könne. In den Gendaten stecken nicht nur Hinweise auf Verwandtschaftsverhältnisse, sondern auch Informationen über Krankheitsrisiken und psychische Dispositionen. All das gibt man preis, wenn man seine Genominformationen in Datenbanken hinterlegt. Und nicht nur von sich selbst, sondern auch von den Angehörigen.

"Einen sicheren Weg für Familienforschungsseiten gibt es nicht", sagt Thilo Weichert, der bis 2015 Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein war. "Es gibt aber Vorkehrungen. So sollte eine pseudonyme Veröffentlichung selbstverständlich sein." Auch sollte man die Nutzungsbedingungen sehr genau studieren.

Wie auch bei anderen Online-Diensten bleibt man nicht immer in vollständigem Besitz seiner Daten, sondern gibt sie an andere weiter, ohne zu wissen, was dann damit passiert. Im Umgang mit Facebook und anderen sozialen Netzwerken haben sich die Nutzer bereits dran gewöhnt, beziehungsweise haben es verdrängt. Bei der familiären DNA gäbe es noch triftigere Gründe, Vorsicht walten zu lassen.

Immerhin macht die Website Gedmatch kein Geheimnis aus den Datenschutzproblemen: "Wenn Sie wirklich absolute Privatsphäre und Sicherheit brauchen, müssen wir Sie bitten, keine Daten bei Gedmatch hochzuladen. Falls Sie das bereits getan haben, löschen Sie sie bitte."

Die trügerische Sicherheit von DNA-Spuren

Die Polizei will künftig aus DNA-Proben am Tatort auf Hautfarbe und Aussehen von Verdächtigen schließen. Doch das Verfahren birgt große Risiken und ist umstritten. Von Christina Berndt mehr...