Forensik Die trügerische Sicherheit von DNA-Spuren

Ein Haar? Blut? Hautfetzen? Winzige Spuren am Tatort können Forensikern entscheidende Hinweise über den Täter liefern.

(Foto: Johannes Simon/Getty)
  • Deutsche Kriminalisten wollen DNA-Spuren am Tatort in größerem Umfang nutzen als bisher.
  • Ein Gesetzentwurf zur erweiterten Erbgutanalyse sieht vor, dass "Feststellungen über das Geschlecht, die Augen-, Haar- und Hautfarbe sowie das biologische Alter" künftig anhand von DNA-Proben getroffen werden sollen.
  • Doch das Verfahren kann auch auf falsche Fährten führen. Einige körperliche Merkmale lassen sich zudem kaum aus dem Erbgut herauslesen.
Von Christina Berndt

Verbrecher-DNA am Tatort ist besser als jeder Augenzeuge, so klingt es beim ersten Hören. Unbestechlich scheint Erbgut verlässliche Aussagen über Täter zuzulassen. Während sich Zeugen oft widersprechen oder Erinnerungslücken haben, könnte DNA, die aus Blutspuren eines Verbrechers, seinem Sperma oder Geweberesten unter den Fingernägeln des Opfers gewonnen wird, einen klaren Blick auf den Täter bieten.

Deutsche Kriminalisten fordern denn auch seit langem, endlich wie ihre Kollegen in England, Wales und den Niederlanden DNA-Spuren am Tatort in größerem Umfang nutzen zu dürfen als bisher. Und wenn die DNA aus einem Haar tatsächlich bezeugt, dass der Täter männlich und etwa 20 bis 25 Jahre alt ist, schwarze Haare, braune Augen, einen dunklen Teint hat und aus Asien kommt, hätten Polizisten etwa nach der tödlichen Vergewaltigung der Studentin Maria in Freiburg da nicht den Täterkreis schnell eingrenzen können und wären nicht auf die Aufnahmen angewiesen gewesen, die sie zufällig von der Videoüberwachung einer Straßenbahn erhalten hätten (siehe Kasten)

Das Credo der Befürworter: Was technisch machbar ist, soll auch eingesetzt werden

? So einfach hört sich die Sache mit der DNA-Forensik an, wenn man den Gesetzesentwurf für eine erweiterte Erbgutanalyse zur Verbrechensbekämpfung liest, den Baden-Württembergs Justizminister Guido Wolf (CDU) Anfang Februar unter dem Eindruck des Mords an Maria in den Bundesrat eingebracht hat. Am Dienstag fand dazu eine Anhörung von Experten im Bundesjustizministerium statt. Dem Gesetzesentwurf zufolge sollen aus Spuren künftig auch "Feststellungen über das Geschlecht, die Augen-, Haar- und Hautfarbe sowie das biologische Alter" des Täters getroffen werden können, denn zu diesen ließen sich "mit hoher Wahrscheinlichkeit verlässliche Aussagen" treffen.

Verfassungsrechtliche Bedenken hat das Justizministerium in Stuttgart dem Gesetzesentwurf zufolge nicht: Schließlich werde mit solchen Untersuchungen der geschützte Kernbereich der Persönlichkeit nicht berührt, betont Minister Wolf. Es handle sich nur um Merkmale, die auch jeder Augenzeuge erkennen könne.

Sein bayrischer Kollege Winfried Bausback (CSU) will noch weitergehen: Er möchte auch die "biogeographische Herkunft" eines Menschen aus der DNA herauslesen. Dabei muss man aber bedenken, dass diese Herkunft nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit zu tun hat, wie der Direktor des Gerichtsmedizinischen Instituts an der Universität Innsbruck, Richard Scheithauer, betont: Manche DNA-Fragmente kommen in bestimmten Regionen häufiger vor, über das Aussehen des Täters sage das "absolut nichts" aus.

Genetik

Was genetische Analysen verraten und was nicht

Haar- und Augenfarbe eines Menschen lassen sich anhand von Erbgutproben schon heute bestimmen. Aber wie sieht es bei der geographischen Herkunft eines gesuchten Verdächtigen aus? Was die genetische Forensik kann - und wo ihre Grenzen sind.   Von Hanno Charisius

Das Credo der Befürworter lautet jedenfalls: Was technisch machbar ist, müsse auch in der Kriminalistik eingesetzt werden. Warum sollten Polizisten nicht wissen, was sich über den Täter sagen lässt? Viele Kriminaler unterstützen den Vorstoß denn auch: Derzeit müssten Ermittler noch "bildlich gesprochen mit der Fußfessel Verbrecher jagen", monierte zum Beispiel Freiburgs Polizeichef Bernhard Rotzinger kürzlich in einem Interview.

Doch die Anhörung im Justizministerium am Dienstag warf Zweifel auf: Ganz so einfach und unproblematisch, wie sich die DNA-gestützte Verbrecherfahndung zunächst anhört, ist sie nicht. Mehrere Fachleute wiesen auf ethische, soziale und juristische Risiken hin, "die jeden einzelnen Bürger treffen können". Eine zu schnelle und unbedachte Ausweitung der Technologie könne schwerwiegende Folgen haben, warnte die Wissenschaftsforscherin Veronika Lipphardt vom University College Freiburg. In einem Offenen Brief hatte eine Gruppe von Wissenschaftlern um Lipphardt schon im Dezember auf die Gefahren einer erweiterten DNA-Forensik hingewiesen: "Die Anwendung von DNA-Technologien in der Ermittlungsarbeit ist weder einfach noch trivial", warnen sie darin.