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Nahrungsmittelproduktion:Wo der Mensch bald Fliegen isst

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Werden Insekten schon bald auf dem täglichen Speiseplan von Menschen stehen?

(Foto: Saurin Hem/AFP)
  • Eine neue Fabrik produziert Tierfutter aus Insektenlarven.
  • Um die wachsende Weltbevölkerung und deren Fleischnachfrage zu bewältigen, werden nun Insekten als Proteinlieferanten interessant.

Manche Vögel ernähren sich von Mücken, auch Hunde und Katzen schnappen bekanntlich gerne mal nach einer Fliege. In der Tierwelt sind Insekten als proteinreiche Nahrung längst anerkannt, anders als in vielen menschlichen Kulturkreisen. Doch nun bekommt das Thema Fliegen als Futter eine ganz neue Dimension: In den Niederlanden entsteht Europas erste Fabrik, in der Fliegen - genauer die Larven der Schwarzen Soldatenfliege - millionenfach gezüchtet und zu Tierfutter verarbeitet werden.

Die industrielle Herstellung von Insektenprotein sei "ein wichtiger Schritt für eine nachhaltigere globale Wertschöpfungskette im Bereich der Lebens- und Futtermittel", erklärt die Schweizer Bühler AG, die wesentliche Teile der Anlage bauen wird und mit herkömmlicher Produktion von Nahrungsmitteln sowie Tierfutter viel Erfahrung hat.

Fast eine Milliarde Tonnen Tierfutter werden weltweit jährlich produziert. Ein großer Teil davon ist pflanzliches Eiweiß aus der Landwirtschaft - Mais, Reis, Weizen und Sojabohnen. Aber auch ein Zehntel der globalen Fischproduktion endet als Tierfutter. Es ist ein wichtiger Rohstoff in Hühner-, Schweine- und Aquafarmen. Der Preis von Fischmehl ist seit den 1990er-Jahren von 500 auf mehr als 2500 Dollar pro Tonne gestiegen. Um die wachsende Weltbevölkerung und deren Fleischnachfrage zu bewältigen, werden daher nun Insekten (so wie übrigens auch Algen) als Proteinlieferanten interessant und im industriellen Maßstab hergestellt.

In Afrika werden jährlich zehn Milliarden Mopane-Raupen verzehrt

Dass Fliegen zu Tierfutter verarbeitet werden, ist in den Augen vieler Wissenschaftler nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zu insektenbasierten Lebensmitteln für Menschen. In manchen Ländern der Erde ist das längst üblich, so gibt es in Thailand 20 000 Grillenzüchter, in Afrika werden jährlich zehn Milliarden Mopane-Raupen verzehrt. Doch in Europa geht es vorerst um Tierfutter und aufgrund der geltenden Rechtslage zunächst um Fisch- und Haustierfutter.

Soldatenfliegen eignen sich gut, weil deren Larven auf beliebigen organischen Abfällen gedeihen. Die Larven brauchen knapp drei Wochen, bis sie ihr eigenes Gewicht um den Faktor 1000 gesteigert haben. Getrocknet besteht ihr Körper zu mehr als 60 Prozent aus Proteinen und ein Zehntel Fett. Für die Proteinerzeugung braucht eine Fliegenfabrik nur den Bruchteil der Fläche einer herkömmlichen Soja-Plantage.

Nachdem weltweit etwa ein Drittel aller landwirtschaftlichen Produkte sowie jede Menge fertiges Essen weggeworfen werden, ergibt sich ein logischer Ansatz: Der organische Abfall könnte Fliegen ernähren, die wiederum größere Tiere mit Nahrung versorgen. Für ein Kilogramm Protein müssen die Insektenlarven nur 1,7 Kilogramm des Abfalls verwerten. Das Verhältnis von zugeführter zu gewonnener Nahrung ist bei Rindern deutlich schlechter: Für ein Kilogramm Rindfleisch muss etwa die zehnfache Menge Protein verfüttert werden.

Bereits in der ersten Hälfte des kommenden Jahres will die Bühler AG gemeinsam mit einem holländischen Partner das erste aus Fliegen gewonnene Tierfutter ausliefern. Ein beliebtes Kinderlied, das beim Warten auf das Essen gesungen wird, könnte somit reale Bedeutung erlangen. Eine Zeile lautet: "Wenn wir nichts kriegen, kriegen, kriegen, dann ess'n wir Fliegen, Fliegen, Fliegen. . ."

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