Umweltkatastrophe:Hat eine giftige Algenart die Fische in der Oder getötet?

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Umweltkatastrophe: Eine tote Brasse im flachen Wasser der Oder.

Eine tote Brasse im flachen Wasser der Oder.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Zerfledderte Fische, erhöhte Sauerstoff- und Chlorophyllwerte: Vieles spricht dafür, dass Algen die Umweltkatastrophe in der Oder mit verursacht haben. Doch wie sind sie dorthin gekommen?

Von Tina Baier

Auf der Suche nach der Ursache für das Fischsterben in der Oder haben Wissenschaftler des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) eine Alge in Verdacht. Sie haben hohe Konzentrationen der Mikroalge Prymnesium parvum im Oderwasser nachgewiesen, die bekannt dafür ist, ein Gift zu produzieren, das für Fische tödlich ist.

Die Frage ist, warum die Alge, die eigentlich in Fließgewässern gar nicht vorkommt, plötzlich in der Oder aufgetaucht ist. Prymnesium parvum wächst normalerweise in Brackwasser bei hohem Salzgehalt. "Die Algenart benötigt erhöhte Salzgehalte, die es auf der betroffenen Oderstrecke natürlicherweise überhaupt nicht gibt", wird IGB-Forscher Jan Köhler in einer Pressemitteilung zitiert.

Günstige Bedingungen für die Alge könnten aber möglicherweise an den Staustufen im oberen Teil der Oder entstanden sein - zum Beispiel, wenn in das aufgestaute Wasser salzhaltige Abwässer eingeleitet worden wären. Auch Mineraldünger, die aus der Landwirtschaft in die Oder gelangt sein könnten, haben das Potenzial, massives Algenwachstum zu begünstigen. Die darin enthaltenen Nährstoffe düngen das Wasser im Prinzip genauso wie die Felder.

Erhöhte Wassertemperaturen könnten ebenfalls zu der Algenblüte beigetragen haben

Das Niedrigwasser könnte die Effekte solcher Chemikalien zusätzlich verstärkt haben, weil die Substanzen umso weniger verdünnt werden, je weniger Wasser im Fluss ist. Auch Wärme begünstigt das Wachstum von Algen, unter anderem deshalb, weil sich Stoffwechselprozesse bei hohen Temperaturen beschleunigen, sodass sie sich schneller vermehren. Die Hitze und die damit verbundenen erhöhten Wassertemperaturen könnten also zusätzlich zu der Algenblüte beigetragen haben.

Das alles ist allerdings noch nicht bewiesen. Die Forschenden haben bislang nur die Algen, nicht die Toxine nachgewiesen. Warum und unter welchen Bedingungen Prymnesium parvum Gifte produziert, ist noch nicht ganz verstanden. Eine Vermutung ist, dass die Toxine Beute lähmen, damit die Algen diese in Ruhe verzehren können.

Natürlich frisst die nur etwa zehn Mikrometer winzige Alge keine Fische, sondern andere einzellige Lebewesen. Doch im Falle einer Algenblüte kann es sein, dass die Konzentration der Toxine im Wasser derart ansteigt, dass sie auch für Fische tödlich ist. Dass es in der Oder eine Algenblüte gegeben hat, scheint gesichert zu sein. Immerhin haben die Berliner Wissenschaftler mehr als 100 000 Algen pro Milliliter Wasser gefunden. Und das an einer Stelle, an der bereits die Warthe in die Oder geflossen ist. Weiter flussaufwärts ist die Algenkonzentration möglicherweise noch höher.

Das Gift greift zuerst die Kiemen an und arbeitet sich dann weiter ins Innere des Fisches vor

In der Regel greift das Algengift als Erstes die Kiemen und die Flossen der Fische an, schlicht deshalb, weil diese Stellen am stärksten exponiert sind. Wenn die obersten Zellschichten zerstört sind, arbeitet sich das Gift weiter ins Innere vor. Trifft es es dabei auf ein Blutgefäß, fangen die Fische an zu bluten. Über die zerstörten Kiemen kommt das Gift auch in den Blutkreislauf und schädigt innere Organe der Tiere. Der Zustand der toten Fische passe zu der Vermutung, dass Prymnesium parvum beim Fischsterben an der Oder eine Rolle gespielt hat, sagt Köhler.

Theoretisch könnte die Massenvermehrung dieser Alge auch die ungewöhnlich hohen Sauerstoffkonzentrationen erklären, die in der Oder gemessen wurden. Prymnesium parvum kann nämlich wie Pflanzen Photosynthese betreiben. Das heißt, sie kann aus Kohlendioxid und Wasser mithilfe von Sonnenlicht Kohlenhydrate herstellen, als Nebenprodukt entsteht dabei auch Sauerstoff. Ins Bild passt auch der erhöhte Chlorophyllgehalt, der an der Messstation für Gewässergüte in Frankfurt an der Oder ab dem 7. August registriert wurde. Wie viele andere Algen und Pflanzen enthält auch Prymnesium parvum diesen Farbstoff, der eine wichtige Rolle bei der Photosynthese spielt.

Vieles spricht also dafür, dass die Algen an der Umweltkatastrophe in der Oder zumindest beteiligt sind. Momentan arbeiten die Forscher daran, die für Prymnesium parvum typischen Toxine nachzuweisen. Sollte sich ihre Theorie bestätigen, ist aber auch noch etwas anderes klar: Die Katastrophe an der Oder ist vom Menschen verschuldet, der das Wachstum dieser Alge an einem für sie untypischen Ort erst ermöglicht hat.

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