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Biologie:Das große Heringssterben

Rätselhaftes Fischesterben an der Nordseeküste

Tote Fische, so weit das Auge reicht: der Strand von St. Peter-Ording, Schleswig-Holstein.

(Foto: Rainer Schulz/dpa)

An der Nordsee fanden in den vergangenen Wochen Unmengen von Fischen den Tod. Meereswissenschaftler rätseln über die Ursache: Ist die Katastrophe menschengemacht - oder schlicht eine Laune der Natur?

Von Ralf Wiegand

Für die Touristen, die auf ihren Küstenwanderungen normalerweise vor Glück juchzen, wenn sie das Häufchen eines Wattwurms finden, oder eine Krabbe sie bei Ebbe in den Zeh zwickt, war der Anblick ein Schock: tote Fische, so weit das Auge reicht. Ob auf Sylt, vor Cuxhaven oder Büsum, am traumhaften Strand von St. Peter-Ording oder in Husum: All diese Orte meldeten das große Fischsterben. "Einen solch dramatischen Eindruck am Strand", sagt Katja Heubel, "den gab es bisher in dieser Form meines Wissens noch nicht."

Katja Heubel ist Biologin am Forschungs- und Technologiezentrum Westküste in Büsum, einer Einrichtung der Kieler Christian-Albrechts-Universität, die sich mit Küstenforschung beschäftigt. Derzeit gehört Heubel einer Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an, die sich auf beinahe kriminalistische Weise dem mysteriösen Fischsterben nähert, das am 19. und 20. Juni seinen Höhepunkt hatte. Aber auch jetzt noch werden andernorts tote Fische angespült, zuletzt in der dänischen Nordjammerbucht. Fast ausschließlich handelt es sich um Heringe.

Die Elbvertiefung war wohl nicht der Hauptgrund, Naturschützer fordern dennoch ihren Stopp

"Was wir schon wissen: Es war kein Unfall", sagt Katharina Weinberg, Leiterin des Bereichs Naturschutz in der Schutzstation Wattenmeer in Husum. Heringe seien sehr gute Schwimmer, so etwas wie ein massenhaftes versehentliches Verirren in gefährliche flache Gewässer passiere "nicht einfach so". Nun machen sich Forscher der Universitäten in Kiel, Hamburg und Oldenburg, Biologen in Husum und Büsum und das Landeslabor Schleswig-Holstein an die Ursachenforschung. Heringe sind ein wichtiges Glied der Nahrungskette im Ökosystem Nordsee, sie dienen als Futter für Seeschwalben, alle größeren Raubfische, für Robben - und für Menschen, die sie fischen. Woran sind die Heringe also gestorben?

Den ersten Verdacht äußerten die Naturschützer vom "Bündnis Lebendige Tideelbe", zu dem sich die Umweltverbände Nabu, BUND und WWF zusammengeschlossen haben. Sie nahmen die Tausende toten Fische, die am Elbufer zwischen Otterndorf und Cuxhaven angespült worden waren, zum Anlass für eine Strafanzeige gegen unbekannt und forderten gleichzeitig, die derzeit laufende Vertiefung der Schiffsfahrrinnen in der Elbe zu stoppen, bis die Ursache des Fischsterbens geklärt sei. Die Naturschützer vermuten, dass der Einsatz von Baggerschiffen oder die Eintragung von Giftstoffen in die Elbmündung ursächlich sein könnten. "Die für den Gewässerschutz zuständigen Behörden in Niedersachsen und Schleswig-Holstein wären jetzt gut beraten, bis zum Vorliegen polizeilicher Erkenntnisse alle Baggerarbeiten zu stoppen", schrieben WWF, BUND und Nabu in einer gemeinsamen Erklärung.

Die Forscher in Büsum und Husum schließen inzwischen aber aus, dass die Elbvertiefung als Hauptursache für das Fischsterben infrage kommt. Zwar seien einige verletzte Tiere auch in der Elbmündung gefunden worden, doch die Masse der Heringe und die geografisch weit verteilte Anschwemmung der toten Fische spreche eher dagegen. Die Biologin Katja Heubel musste auch einen ersten Eindruck, wonach die sechs bis acht Monate alten Jungtiere kleiner und leichter gewesen seien als in anderen Heringsjahrgängen, korrigieren: "Sie waren zwar in einem schlechten Zustand, aber der Konditionsindex unterscheidet sich nicht von dem in anderen Jahren", sagt sie. Der Konditionsindex ist eine Art Bodymaß für Fische. Die Uni Hamburg hat die aktuellen Funde mit asservierten Exemplaren früherer Schwärme verglichen; es gab keine Auffälligkeit. Auch die Wassertemperatur, Algenbildung oder Sauerstoffmangel konnten die Forscher als Ursache bereits ausschließen.

Geht es den Fischen wie den Borkenkäfern? Auch sie erleben Zusammenbrüche der Population

Nun müssen die Wissenschaftler anderen Spuren nachgehen. Der Mageninhalt der Tiere soll analysiert werden, ebenso Planktonproben aus den Gewässern, in denen die Fische sich aufhielten. Die Uni Oldenburg sucht nach Umweltgiften. Möglich ist laut Heubel auch eine Veränderung des Nordseeplanktons durch Umwelteinflüsse. So könnte sich die Zusammensetzung des Grundnahrungsmittels der Schwärme verändert haben. "Das wäre ein typischer Effekt des Klimawandels", sagt Heubel. Ebenso sei eine zeitliche Verschiebung des Planktonaufkommens denkbar, dass also das große Nahrungsaufkommen zu früh oder zu spät für die Jungfische vorliegt - oder, nicht weniger folgenschwer, dass sich die Planktonreserven geografisch verschoben haben. Im schleswig-holsteinischen Landeslabor in Neumünster wiederum untersuchen Wissenschaftler die Fischkadaver auf Parasiten oder Bakterien, die den Tieren den Tod gebracht haben könnten.

Katharina Weinberg vom Schutzzentrum Wattenmeer schließt aber auch noch nicht aus, dass es sich um eine Kalamität der Natur handelt: "Massensterben ist eine Methode der Natur", sagt sie. Auch der Borkenkäfer zum Beispiel vermehre sich bisweilen exzessiv, nur damit die Population dann wieder zusammenbricht. Nach ihren Erkenntnissen handelt es sich in diesem Jahr um einen starken Heringsjahrgang, die Schwärme seien groß, was im Extremfall bedeuten könnte: "Viele Fische, viele tote Fische".

Allerdings ist das Monitoring von Fischen, also die ständige Beobachtung der Vorkommen und ihrer geografischen Verteilung, eine aufwendige und teure Sache und noch längst nicht so ausgebaut, wie es für eine wirklich gute Datenlage nötig wäre. Vergleichsereignisse für das jetzige Massensterben gibt es kaum. Zwar verendeten 2007 vor Sylt Zigtausende Tiere aufgrund von vermehrter Schaumalgenbildung, doch das war anders als jetzt eine lokal begrenzte Katastrophe.

Es ist aber alles in allem doch nicht unwahrscheinlich, dass der Mensch das Fischsterben zu verantworten hat. Es kann auch sein, dass die Schwärme von Jungtieren durch die Schifffahrt oder exzessive Fischerei zu früh aus ihren Kinderstuben vertrieben wurden und noch nicht gelernt haben, sich in flachen Gewässern sicher zu bewegen. "Die Fische müssen das tatsächlich lernen", sagt Katharina Weinberg. Auch Veränderungen des Salzgehalts, von Strömungen und Wasserdichte wären mögliche Ursachen; sie würden wiederum den Schwebezustand des Planktons im Wasser verändern. "Vielleicht gibt es am Ende nicht die eine Ursache, sondern eine Kombination verschiedener Phänomene", sagt Katja Heubel. Die Meeres-Kriminalisten stehen eben noch am Anfang.

© SZ
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