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Biologie:Begabte Fische tanzen aus der Reihe

Ein Fischschwarm auf den Philippinen.

(Foto: Scott Tuason/AFP)

Die meisten Fische passen sich im Schwarm der Gruppe an. Nur einige machen immer wieder ihr eigenes Ding - aus gutem Grund.

Von Katrin Blawat

Ordnungsfanatiker dürften fasziniert sein von Fischschwärmen. Schließlich liegt das Besondere dieser Verbände darin, dass oft alle Tiere in die gleiche Richtung gucken, schwimmen, Abstandsregeln einhalten und sich generell daran orientieren, was der Nachbar macht. Für die Fische folgt diese Lebensweise aus einer recht einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung: Sie verzichten weitgehend auf individuelle Entscheidungen, genießen dafür jedoch den Schutz in der Menge und profitieren vom Informationsfluss innerhalb des Schwarms, der vor Gefahren warnt und auf gute Futterquellen hinweist.

Doch ganz so einfach ist die Sache offenbar nicht, zumindest nicht für jeden Fisch. Manche Mitglieder eines Schwarms tun im Gegenteil gut daran, auszubrechen - und damit die gesamte Formation in Unordnung zu bringen. Das folgert ein Team um Hannah MacGregor von der University of Bristol aufgrund von Experimenten mit Stichlingen (Nature Communications).

Die Forscher untersuchten zwölf Gruppen mit je acht Tieren - es handelte sich also um eher kleine Schwärme. Jeder Gruppe zeigten die Biologen eine überraschend auftauchende Futter-Attrappe und maßen, wie schnell jeder einzelne Fisch auf diese zusteuerte und wie sich das auf die gesamte Formation auswirkte. Da die Wissenschaftler die Tests innerhalb eines Monats mehrmals wiederholten und die Fische einzeln markiert waren, ließen sich dauerhafte individuelle Unterschiede zwischen einzelnen Tieren ausmachen.

Dabei zeigte sich, dass manche Individuen schneller zum vermeintlichen Futter kamen, wenn sie innerhalb der Gruppe ihr eigenes Ding machten und die Ordnung damit durcheinanderbrachten. "Es überraschte uns, dass die disruptiven Fische einen Wettbewerbsvorteil bei der Futterbeschaffung haben können", sagt Erstautorin MacGregor. "Sie sind aufmerksamer und daher fähig, neue Nahrungsquellen zu entdecken, die anderen Fischen entgehen können."

Diese Schnellmerker waren in jeder Gruppe deutlich in der Minderheit und fielen dadurch auf, dass sie sich generell weniger an ihren Artgenossen ausrichteten. Offenbar nützte diesen Fischen wegen ihrer eigenen besonders schnellen Wahrnehmungsgabe der rasche Informationsfluss innerhalb der Gruppe wenig. So bedeutete es für sie keinen großen Verlust, die Ordnung der Gruppe zu verlassen.

"Ein ordentliches Gruppenverhalten ist wohl nicht immer eine gute Sache für einen Fisch, der sehr geschickt darin ist, sich "private" Informationen über neue Futterquellen zu beschaffen", sagt MacGregor. Wie ihre Studie zeigt, ist also auch innerhalb eines Schwarms nicht jeder Fisch wie der andere. Die meisten sind Ordnungsfanatiker und werden auf diese Weise am besten satt. Einige wenige hingegen sind auch innerhalb der Gruppe eine Art Einzelgänger - und sichern sich so die besten Bissen.

© SZ

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