Fahnenmeere zur EM:Rückwärtsgewandte Orientierung

Innerhalb einer Gesellschaft kann sich die Ausgrenzung zum Beispiel gegen Migranten richten. Doch auch im internationalen Rahmen befürchten die Fachleute negative Konsequenzen. "Ich halte dieses ungezwungene Zeigen der nationalen Insignien - und zwar gar nicht mit Blick auf den Holocaust und andere deutsche Verbrechen - für problematisch, weil hier eine antimoderne Stimmung entsteht", sagt Boehnke.

"Nationalismus oder Patriotismus sind rückwärtsgewandte Orientierungen. Wir leben in einem Zeitalter, wo es darauf ankommt, mit anderen international zu kooperieren. Da ist es nicht wichtig, schwarz-rot-goldene Fahnen aus dem Fenster zu hängen. Da ist nur wichtig, zu zeigen, dass wir offen sind für die Welt." Das Tragen nationaler Insignien schafft dagegen Distanz zu anderen. "Durch die Betonung des Nationalen aber schotten wir uns doch eher ab", so der Forscher.

Aber die deutschen Fans sind doch nicht die Einzigen, die während solcher Großveranstaltungen Fahnen schwingen und singen. Wieso macht man sich also hierzulande einen solchen Kopf darüber? Das hängt den Forschern zufolge unter anderem mit dem Selbstverständnis von Staatsbürgerschaft zusammen. Und die wird in Deutschland noch immer vor allem über die Abstammung definiert und nicht über den Geburtsort, wie es bei den US-Amerikanern, den Franzosen oder Briten möglich ist. "Wir sind deshalb mit solchen Ländern nicht vergleichbar", erklärt Wagner. "Wenn das alltägliche Staatsverständnis wie bei uns von genetischer Abstammung geprägt ist, wirkt sich der Nationalismus stärker negativ aus."

Und auch die multiethnische Zusammensetzung der Nationalelf hat keine größere Toleranz in der Gesellschaft zur Folge. Dass Kinder von Einwanderern sich fußballerisch für Deutschland ins Zeug legen, wird zwar akzeptiert. Die Sozialwissenschaftler finden aber schlicht und einfach keine Belege dafür, dass das zugleich auch für Migranten im gesellschaftlichen Alltag gilt.

Dass sich seit 2006 bis heute überhaupt etwas verändert hat, können die Wissenschaftler zwar nicht mit Studien oder Daten belegen. Vor dem Hintergrund der bisherigen Erkenntnisse würde es sie allerdings verwundern, wenn es nicht so wäre. Dafür spricht, dass die Demonstration der Landeszugehörigkeit inzwischen nicht mehr nur bei sportlichen Großereignissen üblich ist, sondern zum Beispiel auch während des internationalen Musikwettbewerbs "Eurovision Song Contest". Auch Siegerin Lena Meyer-Landrut wurde 2010 mit einem Fahnenmeer gefeiert, während die null Punkte, die sie von Israel bekam, in den sozialen Netzwerken auch antisemitische Reaktionen hervorriefen.

"Das Deutschsein kann uns niemand nehmen"

Das Hochspielen der nationalen Symbole hat Ulrich Wagner zufolge im Einzelnen vielleicht keine spürbaren Folgen. Auch Wilhelm Heitmeyer sieht hier "singuläre Ereignisse, Rauschzustände, die man vom Alltag trennen muss". Aber die Wiederholung und das Ritualisieren können langfristig zu einer Normalisierung führen. Und zwar nicht nur, weil wir uns daran gewöhnen.

In einer jetzt veröffentlichten Studie konnten Wagner und sein Team zeigen, dass schon eine kleine deutsche Flagge auf einem Fragebogen dazu führt, dass das Nationalgefühl und die Ablehnung von Fremden wächst - zumindest bei jenen, die bereits eine leichte Tendenz zum Nationalismus haben (Social Psychology, Bd.43, S.3-6, 2012). Welche Effekte dürfte dann das Fahnenmeer beim Public Viewing haben?

Wohin sich der Patriotismus in Deutschland, der laut Forschern eigentlich keiner ist, entwickeln wird, lässt sich kaum sagen. Eine wichtige Rolle in Bezug auf nationalistische Tendenzen spielen den Sozialwissenschaftlern zufolge die Bedingungen in Deutschland, etwa die Situation am Arbeitsmarkt. Das gilt zwar nur, wenn Politiker oder Medien entsprechende Erklärungen über die Ursachen abgeben, betont Ulrich Wagner. Wenn sie etwa auf Migranten hinweisen. Solche Erklärungen lassen jedoch meist nicht lange auf sich warten.

"Wenn der Arbeitsplatz in Gefahr ist oder die Familie und das soziale Umfeld zerfallen - das Deutschsein kann uns niemand nehmen", erklärt Wilhelm Heitmeyer. "Gerade dann kann das zu einem problematischen Identitätsanker werden." Das ließe sich zum Beispiel unter den Mitläufern unter den Rechtsextremen beobachten. "Wenn es uns innerlich schon nicht so gut geht, dann wollen wir wenigstens ein einig Vaterland mit sportlichen Erfolgen sein", beschreibt auch Klaus Boehnke die Erkenntnisse der Psychologen.

Deshalb sind Heitmeyer zufolge auch Identitätskampagnen wie "Du bist Deutschland" problematisch, die vor der WM 2006 stattgefunden haben - auch wenn die manchmal Migranten zeigte. "Solche Kampagnen sollen als Klebemittel in der Gesellschaft dienen, wenn die soziale Sicherheit bröckelt", erklärt er. "Wir wissen ja, dass die soziale Spaltung fortschreitet. Kollektive Identitätskampagnen führen dann zu einer Art Ersatzgefühl, das die Gesellschaft zusammenhält." Dass dabei bestimmte Gruppen wieder ausgegrenzt werden, nimmt man in Kauf. "Das sieht man jetzt wieder an dem Streit um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, oder nur die Muslime, ihre Religion aber nicht."

Die Spiele der Nationalmannschaft verfolgen die Sozialwissenschaftler übrigens auch - und freuen sich über deren Siege. Das Herz an eine Mannschaft zu hängen, mit ihr zu fiebern und auf ihren Sieg zu hoffen, geht schließlich auch ohne nationale Insignien - und unter dem Motto: Möge am Ende der Bessere gewinnen. Auch wenn es wieder einmal die Italiener sind. "Hauptsache", sagt Heitmeyer, "es ist ein schönes Spiel."

© Süddeutsche.de/mikö/plin/lala
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