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Ethnologen im Hilfseinsatz:Mitten in einer humanitären Katastrophe

Jahresrückblick 2014 - Ebola-Ausbruch in Westafrika

Ebola ist real - ein Schild in einem Slum in Monrovia, Liberia.

(Foto: dpa)

Es geht um Glauben. Um die Vorstellungen, wie die Welt der Lebenden und Toten zusammenhängen, welche unsichtbaren Kräfte die Gesundheit beeinflussen. Aber es geht auch um den Glauben an das Gute im Anderen, um Vertrauen also. "Diese Menschen kämpfen ständig um alles, um ihr Leben", sagt die Ethnologin Almudena Marí Sáez von der Berliner Charité. Und sie tun das alleine. "Plötzlich kommen wildfremde Menschen und behaupten, ihnen helfen zu wollen. Natürlich sind sie misstrauisch."

Marí Sáez war bereits in Westafrika, als Ebola dort ausbrach. Die Ethnologin war in Guinea, um im Rahmen eines von der Charité koordinierten Projekts an Lassafieber zu forschen. Wie Ebola wird es durch ein Virus ausgelöst, führt zu Fieber und Blutungen und endet häufig mit dem Tod. Marí Sáez sollte erforschen, wie Menschen in Guinea mit der Natal-Vielzitzenmaus interagieren, die den Erreger überträgt. Ein Forschungsprojekt, das eines Tages helfen könnte, die Zahl von Erkrankungen zu reduzieren. Dann kam Ebola, und sie war plötzlich mitten in einer medizinischen und humanitären Katastrophe.

Schon das Ausmaß des Ausbruchs zeigt die Bedeutung kultureller Faktoren. Mehr als 18 000 Menschen haben sich laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den vergangenen Monaten in Guinea, Liberia und Sierra Leone mit dem Virus infiziert. Mehr als 6000 sind gestorben. Kaum ein Forscher habe geglaubt, dass ein Ausbruch je so groß werden könnte, sagt Matthias Borchert, Tropenmediziner an der Charité, der mit Marí Sáez zusammen an dem Lassa-Projekt arbeitet. Man habe unterschätzt, was passiere, wenn viele Faktoren zusammentreffen. "Da war nichts grundsätzlich Neues", sagt Borchert.

Abstand halten, aber im Gespräch näher kommen

Die kulturellen und politischen Faktoren, die die Ausbreitung von Ebola begünstigten, seien in Guinea, Liberia und Sierra Leone noch ausgeprägter als in anderen Ländern: Die Armut der Bevölkerung, ihre Mobilität, Misstrauen, Korruption, Sprachbarrieren. Traditionelle Beerdigungen, in denen die Toten in aufwendigen Zeremonien geküsst und gewaschen werden, tragen ebenso zur Ausbreitung des Virus' bei wie die Tatsache, dass Menschen im Krankenhaus bei der Pflege ihrer Angehörigen helfen. "Diese ganzen Sachen kommen zusammen, und plötzlich gibt es einen Ausbruch, den man nicht klein halten kann."

Das Gesundheitsministerium von Guinea bat Marí Sáez zu untersuchen, warum manche Dörfer die Helfer mit offenen Armen empfingen, während andere Barrikaden aufbauten und Steine warfen. Am Anfang habe sie Angst gehabt, sagt die Ethnologin. Um die Bewohner nicht zu erschrecken, seien sie ohne Schutzkleidung in die Dörfer gegangen. Nur Gummistiefel, Plastikstühle und der Plan, zwei Meter Abstand zu halten. "Die Menschen kommen auf dich zu, und dann musst du einen Schritt zurück machen. Das war wie ein Tanz", sagt Marí Sáez. Es ist eine komplizierte Choreografie: Abstand halten, aber den Menschen im Gespräch näher kommen. "Im Grunde geht es nur darum, zuzuhören und den anderen zu verstehen", sagt die Wissenschaftlerin.

Aus den Gesprächen habe sie vieles gelernt. Etwa, dass manche Botschaften kontraproduktiv waren. "Von Anfang an wurde immer gesagt: Es gibt kein Heilmittel gegen Ebola. Und die Antwort der Menschen war: Warum wollt ihr, dass wir in dieses Krankenhaus gehen, wenn ihr uns eh nicht helfen könnt?" Und die ersten Erfahrungen mit der westlichen Hilfe waren abschreckend. Viele Kranke verschwanden in den Behandlungszentren, abtransportiert von vermummten Fremden, und die Angehörigen hörten nie wieder von ihnen. "Kein Wunder, wenn dann der Nächste, der krank wurde, weggelaufen ist."

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