Ernährung:Den Hof seines Vaters krempelte Hausmann komplett um

Wo früher bis zu 15 Mutterkühe für die Kälberaufzucht auf der Sommerweide grasten, reiht sich auf dem Hausmann-Hof nun Salat an Kohl und Rüben auf dem Gemüsefeld. Den konventionellen Hof seines Vaters hat Hausmann komplett umgekrempelt. Der vegan lebende Bauer will beweisen, dass es keinen tierischen Dünger braucht, um einen Hof zu bewirtschaften. Mittlerweile verkauft er 50 Gemüsekisten in der Woche, verschickt Kartoffeln per Post und betreibt einen kleinen Hofladen im ausrangierten Anbindestall. Das Geschäft läuft, wenn auch in kleinerem Rahmen als zuvor.

Einen halben Hektar hat Hausmann für seine Ernte zur Verfügung. 30 bis 40 Sorten Gemüse - von Salat, Kohl, Zwiebeln und Kartoffeln über Kräuter und Kürbisse - wachsen hier zwischen einem eingezogenen Teilstück des Feldes, das er wild wachsen lässt. "Dieser Blühstreifen ist ganz wichtig", erklärt Hausmann. "Er bietet Schutz und Nahrung für Schmetterlinge, Bienen und andere sogenannte Nützlinge." So erzeugt er ein natürliches Gleichgewicht zwischen verschiedenen Insektenarten und fördert die Biodiversität auf dem Feld.

Hausmann verzichtet konsequent auf Pestizide. Als der Hof noch konventionell betrieben wurde, habe er kaum Tiere im Boden gefunden, berichtet er. "Wenn ich jetzt das Getreide ernte, dann sehe ich Tausende Würmer, Käfer und andere Insekten im Boden." Eine vielfältige Fruchtfolge und die natürlichen Nützlinge sollen Schäden durch Schnecken, Läuse, Milben, Kartoffelkäfer und Co. vorbeugen. Chemisch-synthetische Dünger lehnt Hausmann genauso ab wie Ergänzungsdüngemittel aus Haar- oder Federmehl. Deswegen wachsen seine Pflanzen langsamer. Kein Problem, sagt er. Er sei nicht auf schnelles Wachstum und maximalen Gewinn aus. Bei der Düngung setzt der studierte Landwirt auf Leguminosen wie in Kleegras-Gemischen. Klee und Luzerne können durch Knöllchenbakterien an den Wurzeln Luftstickstoff und andere Nährstoffe binden. Über die Kompostierung werden diese dem Boden zugeführt.

Hausmanns Komposthaufen erstreckt sich fast über die gesamte Breite der Streuobstwiese, auf der Apfel-, Birn- und Kirschbäume stehen. Beherzt sticht der Landwirt mit der Mistgabel in den Haufen und nimmt einen feuchtwarmen, dunkelbraunen Klumpen in die Hand: "Das kompostierte Kleegras kann, so wie es ist, schon wieder auf das Feld gebracht werden." Bioveganer Dünger de luxe.

Erst kürzlichhat die EU-Kommission eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland eingereicht wegen zu hoher Nitratwerte in Böden und Grundwasser durch Gülle. Deutschland hat neben Malta EU-weit die größte Nitratkonzentration im Grundwasser. "Was wir im Augenblick haben, ist ein total degradiertes System", sagt Friedhelm Taube mit Blick auf unsere hiesige Landwirtschaft. Der Agrarwissenschaftler ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik der Bundesregierung, dessen Gutachten 2015 die derzeitige Nutztierhaltung als "nicht zukunftsfähig" beurteilte.

In Sachsen ist Daniel Hausmann der einzige Landwirt, der eine biovegane Landwirtschaft betreibt. Im gesamten Bundesgebiet existieren einige wenige Betriebe. Ein Pionier des bioveganen Gartenbaus in Deutschland war Eugen Ehrenberg, Mitgründer des Gärtnerhofs Bienenbüttel, der schon seit 1978 veganes Gemüse in der Lüneburger Heide produziert. "Wenn man die Kritik an der Tierhaltung konsequent zu Ende denkt, ist die biovegane Landwirtschaft die einzige Option", sagt er.

Erste Anfänge einer viehlosen Landwirtschaft gab es bereits im Zuge der Lebensreformbewegung im frühen 20. Jahrhundert, deren Kritik sich vor allem gegen die Industrialisierung richtete und die eine Art Naturzustand anstrebte. Mit der 1996 in England ins Leben gerufenen Organisation Vegan-Organic Network, kurz VON, und deren ausformulierten Richtlinien und Standards bekam die Idee einer nutztierlosen Landwirtschaft erstmals einen standardisierten Rahmen und ein internationales Netzwerk entstand. Kommerzielle Landwirtschaftsbetriebe konnten sich zum ersten Mal als tierfrei zertifizieren lassen und ihre Produkte mit einem Logo kennzeichnen.

Eine deutsche Adaption des Vegan-Organic Network ist das ebenfalls in den 90er Jahren gegründete Biologisch-Vegane Netzwerk, welches 2016 die sogenannten biozyklisch-veganen Richtlinien in Deutschland vorstellte. Diese haben eine kreislaufbetonte und vegane Anbaualternative nach Vorbild des Öko-Pioniers Adolf Hoops und seinem Anbauverfahren, bekannt als "Bio-Modell Walsrode", zum Ziel. Jenes Modell setzt nach eigenen Angaben auf die Selbstheilungskräfte der Natur unter Einbezug von Heilkräutern beim Aufbau gesunder Humuserde, hin zu einem vitalen Anbauboden.

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