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Erdbebenrisiko in Istanbul:Mikro-Beben als Vorboten?

Einen solchen Vorbereitungsprozess haben die Forscher im Juni 2016 südlich von Istanbul eingehend untersucht. Auch wenn das Beben mit der Stärke 4,2 wohl nur ein paar Gläser hat wackeln lassen, handelte es sich regional um das größte seismische Ereignis seit Jahren. Dort beobachtete Bohnhoff Dutzende von Mikro-Beben in den Stunden vor dem eigentlichen Hauptbeben. Wäre das wirklich ein charakteristisches Merkmal, ließe sich die Warnzeit für künftige Erdbeben in der Region deutlich ausdehnen.

Doch hier liegt auch der Haken: Ähnliche Vorläuferaktivitäten sind zwar auch von jüngsten Starkbeben in Japan 2011 und Chile 2014 bekannt. Aber die Beobachtungen sind längst nicht allgemeingültig, wie auch Bohnhoff betont. Dazu ist das System Erde zu komplex und jedes Erdbeben hängt von zu vielen individuellen Faktoren ab.

Ein wichtiges Teil im großen Puzzle Erdbebenvorhersage

Martin Mai ist von der Bedeutung der Studie trotzdem überzeugt. Er ist Professor für Geophysik an der King Abdullah Universität für Wissenschaft und Technik in Saudi Arabien. Aus Sicht von Mai ist die Studie "ein weiteres Teil im großen Puzzle 'Ist Erdbebenvorhersage möglich?'" Wenn es eine Schwachstelle an dem neuen Verfahren gibt, dann dass noch viele ähnliche Datensätze aufgezeichnet werden müssten, um eine bessere statistische Grundlage zu haben. "Am besten mit noch mehr seismischen Instrumenten und an vielen Orten, auch außerhalb der Türkei", sagt Mai. Das wird sicher aber noch Jahre bis Jahrzehnte dauern - Zeit, die Istanbul vielleicht nicht mehr bleibt.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Erde entlang der Nordanatolischen Verwerfung immer wieder heftig gebebt. Einzig der Bereich um Istanbul blieb seit über 250 Jahren von Starkbeben verschont: Das letzte große Beben erschütterte die Stadt im Jahr 1766. Statistisch gesehen ist ein Starkbeben der Magnitude 7 und höher in der Region längst überfällig.

Für die Stadt am Bosporus hätte das verheerende Folgen. In der größten Stadt Europas leben derzeit rund 15 Millionen Menschen, fast 20 Prozent der türkischen Bevölkerung. Mehr als 40 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet die Türkei hier. Bei einem Starkbeben rechnen die Vereinten Nationen (UN) mit bis zu 70 000 Todesopfern und 120 000 Schwerverletzten. Dazu tragen auch die in weiten Teilen nicht erdbebensicheren Bauten bei.

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