Umwelt Kokain im Flohkrebs

In Flohkrebsen wurden Rückstände verschiedener Chemikalien gefunden.

(Foto: Krugloff - stock.adobe.com)
  • An 15 Sammelstellen in der ländlichen Grafschaft Suffolk fanden Forscher Flohkrebse mit diversen Drogen und Umweltgiften im Körper.
  • Kokain entdeckten sie in jedem der untersuchten Tiere.
  • Sie stießen auch auf verbotenen Pestizide - und rätseln, woher diese stammen.
Von Hanno Charisius

Kokain, Lidocain, Alprazolam und Ketamin - das klingt wie das Sortiment eines gut sortierten Drogenhändlers. Es ist aber nur ein kleiner Ausschnitt aus der Liste von Substanzen, die britische Forscher in Flohkrebsen der Art Gammarus pulex gefunden haben. Besonders erstaunlich ist, dass die bis zu zwei Zentimeter großen Tiere von 15 Stellen in der Grafschaft Suffolk an der englischen Ostküste stammten und nicht etwa aus dem Ballungsraum London, wo man eher mit den Ausscheidungen der Zivilisation konfrontiert sein könnte.

Mit solchen Drogenfunden hätten die Forscher eher in der Nähe von Großstädten gerechnet

Kokain fanden die Wissenschaftler um Thomas Miller vom King's College London in sämtlichen gefangenen Tieren, das Schmerzmittel Lidocain in 95 Prozent der Proben, das Beruhigungsmittel Alprazolam noch in 88 Prozent der untersuchten Flohkrebse. Die Forscher hatten gezielt nach 107 Substanzen gesucht und waren auch auf Pestizide gestoßen, die schon lange in der EU verboten sind. Der Umweltanalytiker Leon Barron aus Millers Team erklärt in einer Mitteilung der Universität dazu: "Mit solchen Drogenfunden hätten wir eher in der Nähe von London gerechnet, aber nicht in ländlichen Regionen."

Der Fund von Pestiziden, die bereits seit vielen Jahren nicht mehr in England ausgebracht werden dürfen, stelle die Forscher zudem vor ein besonderes Rätsel. Ursprung und Verbreitung dieser Substanzen sei vollkommen rätselhaft. Im Fachjournal Environment International legt die Forschergruppe dar, dass die gefundenen Chemikalienmengen zwar so gering seien, dass selbst die kleinen Krebstiere davon nicht in einen Rausch verfallen dürften. Doch die Substanzen seien ein Umweltproblem und stellen "womöglich eine Gefahr für die Tiere dar", sagt Miller. Im vergangenen Jahr hatten Biologen in einem Experiment gezeigt, dass selbst geringe Kokain-Mengen bei Aalen zu Muskelschäden führen können.

In der Umwelt sind Wissenschaftler schon häufiger auf Reste von Arzneimitteln und illegalen Drogen gestoßen. Der menschliche Körper scheidet von diesen Stoffen aus, was er nicht verwerten kann, und mit dem Abwasser gelangen sie in die Kläranlagen, die viele der Substanzen nicht restlos beseitigen. Welche Effekte solche Einträge auf die Tier- und Pflanzenwelt und schließlich auch wieder auf den Menschen haben, ist nicht einfach zu beantworten. In deutschen Flüssen und Seen haben Umweltanalytiker bereits mehr als 150 verschiedene Arzneimittel nachgewiesen - laut Umweltbundesamt in teils beträchtlichen Mengen.

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