Energie Was passiert, wenn das Schiff sinken sollte?

Würde die Akademik Lomonossow sinken, ist völlig unklar, wie ein so großes Schiff so weit im Norden geborgen werden könnte. Selbst wenn der Reaktor intakt bliebe, unter Wasser würde er irgendwann korrodieren und Leck schlagen. Das Wrack könnte zu einer ewigen Strahlenquelle werden, fürchten Umweltschützer. Dabei ist Fisch nach dem Erdöl das wichtigste Exportgut Norwegens. "Ein Zwischenfall im russischen Teil der Barentssee könnte auch für Norwegen schwerwiegende Konsequenzen haben", sagt Audun Halvorsen, Staatssekretär im Außenministerium. Man bleibe daher während des Transports nach Pewek in engem Kontakt mit den russischen Behörden.

Die norwegische Strahlenschutzbehörde begleitet die Akademik Lomonossow schon seit Sankt Petersburg mit einem Schiff der Küstenwache. Für sie sei das auch eine Übung, schließlich schwämmen viele nuklear betriebene Boote, zum Beispiel Eisbrecher, vor Norwegen herum, sagt Astrid Liland, die Leiterin der Notfall-Bereitschaft. "Wir müssen bereit sein, wenn ein Unfall passiert".

Ihre Behörde hat Jahre damit verbracht, in der Barentssee hinter den Russen aufzuräumen, die dort atomaren Abfall versenkt haben. Im Internet erklärt sie in kurzen Videos ihre Aufgaben, fast alle haben mit Russland zu tun. Das Land habe im Kalten Krieg die weltgrößte Flotte von Atom-U-Booten gebaut, heißt es dort, hunderte Unterwasserschiffe, die später verrotteten oder im Meer versanken. Norwegen hat als eines der ersten Länder dabei geholfen, das radioaktive Material in diesen Wracks zu sichern und andere nukleare Abfälle aus dem Meer zu bergen. Die Andrejewa-Bucht etwa, eine frühere Marine-Basis, gelte als "eine der größten und gefährlichsten Sammlungen von abgebrannten Brennstoffen und radioaktivem Müll der Welt". Sie liegt 50 Kilometer von Norwegen entfernt.

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Die beiden Reaktoren der Akademik Lomonossow sind den Antrieben von nuklearen Eisbrechern ähnlich. Der Unterschied sei, sagt Nils Bøhmer von Bellona, dass Eisbrecher regelmäßig zur Wartung in Häfen kämen. Das schwimmende Kraftwerk kommt nicht mal zum Wechseln der Brennstäbe unbedingt an Land. Diese müssen alle drei bis vier Jahre ausgetauscht werden, die abgebrannten Stäbe werden zunächst an Bord gelagert. "Russland plant eine Massenproduktion", warnt Heinz Smital von Greenpeace. "Dann haben wir eine ganze Menge schwimmender nuklearer Zwischenlager auf den Weltmeeren."

Rosatom weist die Kritik zurück. Sicherheit habe oberste Priorität, heißt es. "Wir arbeiten hart daran, die öffentliche Akzeptanz unserer Projekte zu sichern." Laut dem Konzern hält das Schiff einem Tsunami stand und erfüllt alle Kriterien der Internationalen Atomenergie-Organisation. "Diejenigen, die in einer Scheinwelt von hundert Prozent erneuerbarer Energien leben, realisieren nicht, dass bei minus 60 Grad und Polarnacht weder Sonne noch Wind Häuser und Unternehmen mit Energie versorgen können."

In Pewek leben keine 5000 Einwohner, die Akademik Lomonossow könnte eine 40 Mal so große Stadt versorgen. Für Rosatom soll es nur das erste einer ganzen Serie schwimmender Atomkraftwerke sein. Der Konzern hofft, dass auch andere Staaten mit abgelegenen Küstenorten, Häfen oder Industrieanlagen, die über Land schwer zu versorgen sind, Interesse anmelden. Seit 25 Jahren verfolgt es diese Idee. Das erste schwimmende AKW ist mit 525 Millionen US-Dollar nun weit teurer geworden als geplant. Während US-Unternehmen die Idee schwimmender Kernkraftwerke bereits in den 1970er-Jahren verworfen haben, hat sie für Russland auch geopolitischen Wert. Das Land unterstreicht damit seinen Anspruch in der Arktis. Nur China hält mit: Es hat angekündigt, ebenfalls bald einen ersten Prototypen in Dienst zu stellen.

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