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Klimawandel:Notration in der Arktis

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Wenn das Eis schmilzt, wird die Robbenjagd für Eisbären aussichtslos.

(Foto: Ulf Mauder/dpa)

Wenn das Eis schmilzt, ist die Robbenjagd für Eisbären aussichtslos. Forscher haben mithilfe von Drohnen beobachtet, welche Alternativen sie sich suchen.

Von Katrin Blawat

Was tun, wenn es das Lieblingsessen nicht mehr gibt? Hungern ist eine Option, aber sicher nicht die beste. Erst recht nicht, wenn man ein Eisbär ist, der sich im Frühling eigentlich genügend Speck anfressen müsste, um den Sommer mit kaum Möglichkeiten zur Robbenjagd zu überstehen. Wenn das Meereis schmilzt, fehlt den Eisbären sozusagen eine Plattform, von der aus sie Robben jagen können. Diese Tiere stellen normalerweise die Hauptnahrung der Bären dar.

Doch angesichts des Klimawandels ist wenig normal, die Robbenjagd-Saison verkürzt sich immer mehr. So bleibt den Eisbären, wollen sie nicht darben, nur die Option, auf andere Nahrungsquellen auszuweichen. Dass die Tiere durchaus bereit sind, neue Geschmäcker zu probieren, haben inzwischen mehrere Studien gezeigt. Doch nicht alles, was schmeckt, macht auch genügend satt. So gilt es für die Raubtiere, genau abzuwägen, ob es sich zum Beispiel lohnt, nach Eiern in Entennestern Ausschau zu halten - oder ob diese Suche mehr Energie frisst, als die Eier liefern können.

Diese Kosten-Nutzen-Rechnung haben Biologen um Patrick Jagielski von der kanadischen University of Windsor im Fachmagazin Animal Behaviour genauer untersucht. Mithilfe von Drohnen beobachteten sie, wann und wie intensiv Eisbären auf der kanadischen Mitivik Island nach Eiern der Eiderenten suchten. Zudem schätzten die Forscher den Energiegewinn und die Energiekosten, die mit dieser Diät einher gingen.

Die Tiere pflegen eine opportunistische Ernährungsweise

Zumindest zu Beginn der Enten-Brutsaison ist die Rechnung recht einfach. Ein Ei bringt zwar nur etwa 260 Kalorien (1090 Kilojoule). Das bedeutet für einen ausgewachsenen Eisbären nicht gerade eine Völlerei, auch wenn Eiderenten doch etwas kräftiger sind als etwa Stockenten. Im Gegensatz zu den weitaus nahr-, aber auch wehrhafteren Robben laufen die Eier jedoch nicht weg und müssen nur aus ihren Bodennestern aufgesammelt werden. Auf Mitivik Island brüten zudem besonders viele Eiderenten.

Aus Sicht der Eisbären gab es mit der Zeit dennoch ein Problem. Je weiter der Sommer voranschritt und umso mehr Küken schlüpften, desto geringer war das Angebot an Eiern. Beteiligt waren daran auch Silbermöwen, die ebenfalls in den Entennestern räuberten. Während die Bären Ende Juni, Anfang Juli kaum Aufwand betreiben mussten, um Nester aufzuspüren, brauchten sie dafür später schon deutlich mehr Energie. Dennoch schlussfolgern die Autoren: "Eier sind wahrscheinlich eine der kosteneffizientesten Ressourcen für Eisbären während der eisfreien Saison." Doch reichten die Enteneier allein wohl kaum aus, um die Bären über den Sommer zu bringen.

Die Eisbären selbst wissen das offenbar auch ohne Kilojoule-Berechnungen. Jedenfalls schwenken sie, wenn die Robben knapp werden, noch auf weitere Ersatznahrung um. So haben Forscher in früheren Studien bereits von Schneegänsen als Beute berichtet. Deren Energiebilanz allerdings fällt wohl eher schlecht aus, eine Gans lässt sich nicht so einfach einsammeln.

Anders als oft vermutet, verschmähen Eisbären jedoch auch vegetarische Kost keineswegs, wie etwa eine Studie im Fachmagazin BMC Ecology gezeigt hat. Die Autoren hatten Eisbärenkot untersucht und darin Spuren verschiedener Pflanzen und Meeresalgen gefunden. Demnach fressen die imposanten Raubtiere zum Beispiel regelmäßig verschiedene Beeren und Strandroggen.

85 Prozent der untersuchten Kotproben enthielten wenigstens eine pflanzliche Komponente. Meist hatten die Bären jedoch offenbar sowohl Fleisch als auch Pflanzen gefressen, schreiben die Autoren. Auch sie bescheinigen den Eisbären eine "opportunistische" Ernährungsweise: möglichst viel Energie bekommen für möglichst wenig Aufwand.

© SZ
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