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Ein Soziobiologe erklärt die Welt:"Der Ethikunterricht ist nicht die Instanz, die gute Menschen produziert"

sueddeutsche.de: Woran liegt das?

Der Soziobiologe und Philosoph Eckart Voland.

(Foto: Foto: oh)

Voland: Was biologisch nicht vorgesehen ist, kann auch durch eine noch so gute Ethik nicht eingelöst werden. Es geht ganz einfach nicht. Man soll nicht so tun, als seien die christlichen Werte tatsächlich verhaltensrelevant und weltverbessernd gewesen.

sueddeutsche.de: Für Soziobiologen haben Normen, Werte und moralische Ansprüche ihren Ursprung also nicht in den Kulturen oder Religionen der Welt. Doch woher stammt unsere Moral dann?

Voland: Manche Wissenschaftler vermuten, dass im sich entwickelnden kindlichen Gehirn Zentren existieren, die auf den Input moralischer Parameter warten. Das ist mit dem Spracherwerb vergleichbar: Wir lernen unsere Sprache aufgrund einer Art Tiefenstruktur, die im Gehirn bereits angelegt ist. Lediglich welche Sprache unsere Muttersprache wird, hängt davon ab, was aus der Umwelt kommt.

Bei der Moral scheint das ähnlich zu sein. Es existieren bereits gewisse Dinge wie Konzepte von Fairness und Tauschgerechtigkeiten von Geburt an. Dann gibt es eine sensible Phase, in der wir die Regeln aufsaugen, die in unserem sozialen Kontext herrschen. Man kann hier von Prägung sprechen.

So etwas wie der Level der Tauschgerechtigkeit wird dabei noch feinjustiert, damit ich in meine Gesellschaft hineinpasse. Was aber nicht bedeutet, dass die Idee der Tauschgerechtigkeit erst gelernt werden müsste,

sueddeutsche.de: Dann wäre es also nicht Moral selbst, die gelernt wird?

Voland: Nein. Wir übernehmen unsere Werte offensichtlich nicht im Sinne einer direkten Werteerziehung. Der Ethikunterricht ist nicht die Instanz, die gute Menschen produziert.

sueddeutsche.de: Wo liegt denn diese sensible Phase?

Voland: Die Übernahme von Werten vollzieht sich lange vor der Zeit, in der man sich schließlich mit Kant und dem kategorischen Imperativ beschäftigt oder die Goldene Regel lernt (Nach Matthäus 7,12: "Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch").

Menschen, die anderen in der Not geholfen haben, sagen übrigens häufig, sie seien einem Impuls gefolgt. Das untermauert meinen Standpunkt, dass Moral nichts mit Rationalität zu tun hat. Rationale Gründe stehen nicht am Anfang der Moralentwicklung.

sueddeutsche.de: Kann so ein Impuls seine Wurzeln nicht in gelernten Vorgaben haben? Ich bremse beim Autofahren in einer Gefahrensituation auch ohne zu überlegen.

Voland: Das haben Sie in der Fahrschule gelernt und geübt, bis Bremsen zur Routine wurde. Eine Moralschule brauchen wir aber offenbar nicht. Sie üben nicht Gerechtigkeit, bis sie zur Routine wird. Sie entwickeln Ihre Moral als Kleinkind gleichsam nebenbei.Die biologisch evolvierte Moralfähigkeit braucht lediglich eine kulturelle Feinabstimmung.

Aber diese Form von Lernen implementiert nicht Moral in ein zuvor moralloses Wesen, sondern diese Form von Lernen vollzieht Anpassung an lokale Verhältnisse. Eltern und Altersgenossen stellen so gesehen nur den Kontext dar, in dem sich die Moral der Kinder entfaltet. Sie können Kinder nicht wirklich belehren.

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