Tod von E.O. Wilson:Eine Stimme für die Artenvielfalt ist verstummt

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Tod von E.O. Wilson: Harvard-Professor E. O. Wilson im Jahr 2006

Harvard-Professor E. O. Wilson im Jahr 2006

(Foto: CHITOSE SUZUKI/ASSOCIATED PRESS)

Edward Wilson, einer der bedeutendsten Evolutionsbiologen seit Charles Darwin, machte früh auf den weltweiten Artenschwund aufmerksam. Einige seiner Schriften riefen aber auch Kritik hervor.

Nachruf von Hanno Charisius

Die wissenschaftliche Karriere von Edward Osborne Wilson begann mit einem Unfall, als er sieben Jahre alt war. Beim Angeln verletzte er sich am rechten Auge und erblindete einseitig. Mit dem verbliebenen linken Auge konnte er sich sehr gut auf den Nahbereich konzentrieren. Und begann "ganz automatisch", sich mehr für Schmetterlinge und Ameisen zu interessieren als andere Kinder, so schrieb er 2006 in seiner Biografie. So wurde er erst Ameisenforscher und schließlich zu einem der bedeutendsten Evolutionsbiologen seit Charles Darwin.

Am 10. Juni 1929 geboren in Alabama, wuchs Wilson nach der Scheidung seiner Eltern ab 1936 bei seinem Vater und seiner Stiefmutter auf, die Familie zog oft um. Er begeisterte sich bereits in seiner Kindheit für Kerbtiere, erst später fiel sein Blick auch auf die Entwicklungsgeschichte des Menschen. 1955 promovierte er an der Harvard University bei Boston in Biologie und wurde hier auch zum Professor. Von Harvard aus erkundete er die Artenvielfalt der Welt, schrieb Dutzende Bücher, unterrichtete und begründete in den 1970er-Jahren die Soziobiologie. Im letzten Kapitel seines ersten Buchs zu dem Thema schrieb er zunächst über Tiere, ging im letzten Kapitel aber auch auf den Menschen ein - und löste eine Welle der Empörung aus.

"Wir sind im Blindflug unterwegs"

Mit seiner Vorstellung, dass nicht nur die Biologie, sondern auch das menschliche Verhalten im Lichte der Evolution betrachtet werden müsse, handelte er sich viel Kritik ein. Manche warfen ihm unter anderem Sozialdarwinismus vor, stellten ihn in eine Ecke mit Rassisten und Sexisten. Wilson wiederum erklärte, dass auch moralisches Denken naturwissenschaftlich begründbar sei, was die Kritiker kaum beruhigte. Sogar Harvard-Kollegen unterstellten ihm, Eugenik zu rechtfertigen, "ein Student schüttete mir einen Eimer Eiswasser über den Kopf", erzählte Wilson vor Jahren der SZ. Später distanzierte er sich von der Soziobiologie und widerrief einige seine früheren Schriften dazu teilweise.

Auch mit den Konservativen der USA legte sich Wilson später an, als er begann, auf den weltweiten Artenschwund aufmerksam zu machen. Wilson machte den Begriff "Biodiversität" populär und begründete im Jahr 2007 das Projekt "Encyclopedia of Life" (EOL) das die belebte Welt so vollständig wie möglich katalogisieren möchte, bevor zu viele Lebewesen unwiederbringlich ausgelöscht werden, maßgeblich vom Menschen. "Wir sind im Blindflug unterwegs", so umschrieb er häufig die Ignoranz und Unkenntnis, mit der Menschen ihrer unmittelbaren Umwelt begegnen.

Auch nach seiner Emeritierung 1996 behielt Wilson ein Büro im Museum of Comparative Zoology auf dem Harvard-Campus und schrieb weiter Bücher. In einem davon ("Die Schöpfung") versuchte er 2007, auch die bibelfesten Amerikaner für den Kampf für Umweltschutz und Artenvielfalt zu gewinnen, obwohl ihm, wie er sagte, als Student der Glaube in kleinen Schritten abhandengekommen sei.

Im Laufe seins Lebens bekam Wilson viele zusätzliche Namen: "Vater der Soziobiologie" wurde er genannt, später auch "Vater der Biodiversität" und "moderner Darwin". Seine Vornamen schnurrten hingegen meist zu den Anfangsbuchstaben zusammen: E. O. Wilson steht auf vielen seiner Bücher, für zwei davon bekam er den Pulitzer-Preis in der Kategorie Sachbuch neben zahlreichen wissenschaftlichen Preisen. Am Sonntag ist E. O. Wilson im Alter von 92 Jahren gestorben.

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