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Krisenkommunikation:Das Schweigen der Anderen

Virologe Christian Drosten

Der Virologe Christian Drosten ist einer von 15 Personen, denen dieses Jahr das Bundesverdienstkreuz verliehen wird.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Der Virologe Christian Drosten erhält das Bundesverdienstkreuz - nicht zuletzt für seine gute Kommunikation. Die Auszeichnung ist hochverdient, wirft aber auch Fragen auf.

Kommentar von Kathrin Zinkant

Wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober den Medaillenkoffer aufmacht, werden in der Regel engagierte Bürger und Kulturschaffende für ihre Leistungen geehrt. Manchmal ist ein Umweltschützer dabei, eher selten Wissenschaftler. In diesem Jahr aber, dem Corona-Jahr, bekommt Charité-Virologe Christian Drosten eines. Übrigens zum zweiten Mal: Drosten wurde schon 2005 für seine entscheidenden Forschungsbeiträge im Kampf gegen die erste Sars-Pandemie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt, damals gemeinsam mit seinem Hamburger Kollegen Stephan Günther vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.

In diesem Jahr ist jedoch etwas anders. Neben der wissenschaftlichen Leistung des Virologen, die in der aktuellen Pandemie erneut von zentraler Bedeutung gewesen ist, weil sie schon im Januar präzise Testungen ermöglichte, bekommt Drosten das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse nun ausdrücklich auch für seine kommunikative Leistung. Mit dem zunächst täglichen Update-Podcast habe der Forscher seine Erkenntnisse "der Öffentlichkeit vermittelt".

Es ist gut, dass Drosten weitergemacht hat. Trotz Drohungen, Beschimpfungen und Shitstorm

Diese Aussage ist ehrlich gesagt eine ziemliche Untertreibung für das, was Christian Drosten in den vergangenen Monaten getan hat - und aushalten musste. Der Forscher diskutierte in Talkshows, gab Interviews, erklärte die Prinzipien von Wissenschaft, beantwortete kritische Fragen, ordnete Studien für Journalisten ein und ließ sich von Beschimpfungen, üblen Drohungen, Shitstorms und einer Kampagne der Bild-Zeitung nicht aufhalten. Er hat deshalb nicht nur diese Ehrung verdient, sondern auch sämtliche anderen Preise, die man ihm für seinen Einsatz als Corona-Erklärer verliehen hat. Zumal sie ein klares Signal sind, dass Wissenschaftlichkeit und Faktentreue in diesem Land noch immer zählen. Anderswo ist das nicht mehr so selbstverständlich.

Und doch bleibt ein schaler Geschmack bei all den Ehrungen zurück, die Christian Drosten nun zum Aushängeschild der Wissenschaftskommunikation erheben. Denn eigentlich sollte das, was hier am Einzelnen gepriesen wird, längst Normalität sein in der Forschung - und nichts, das durch Orden hervorgehoben werden muss. Deutschland hat schließlich nicht nur einen Virologen zu bieten, der etwas kann. Es gibt angesehene Fachkollegen, es gibt Experten aus Epidemiologie und Infektiologie; kurzum eine ganze Reihe von weiteren Corona-Fachleuten, die in den vergangenen Monaten aber zu oft schwiegen, wenn es wichtige Fragen zu beantworten gab. Damit ließen sie Raum für Halbexperten, die mit ihrem Geltungsbedürfnis in die Öffentlichkeit drängten und nicht selten Verwirrung stifteten, weil sie mit steilen Thesen vor allem Aufmerksamkeit suchten. Es ist gut, dass Christian Drosten einen weiteren Orden bekommt. Und schade, dass er damit doch recht allein auf weiter Flur steht.

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