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Intelligenz bei Tieren:Delfine jagen mit Schneckenhäusern

Tiere: Ein Delfin nutzt ein Schneckenhaus als Werkzeug, um damit Fische zu jagen

An der Oberfläche lassen die Delfine das Wasser aus dem Schneckenhaus laufen, und der Fisch rutscht ins Maul.

(Foto: : Sonja Wild, Dolphin Innovation Project/: Sonja Wild, Dolphin Innovation)

Delfine benutzen leere Gehäuse als Werkzeug. Wie sie damit umgehen müssen, lernen sie von gleichaltrigen Artgenossen.

Von Anke Fossgreen

Zuerst war den Forschern das Verhalten der Delfine ein Rätsel. Die Großen Tümmler tauchten mit den Häusern von riesigen Meeresschnecken im Maul auf, schüttelten sie und ließen sie dann im Wasser versinken. Was taten sie da?

"Sie praktizieren eine einzigartige Fangtechnik", erklärt Sonja Wild. "Die Delfine treiben unter Wasser Fische in leere Schneckenhäuser, versperren die Öffnung mit ihrer Schnauze und bringen die Beute an die Oberfläche", sagt die Biologin. "Dann lassen sie das Wasser rauslaufen, und die Fische rutschen ins Maul." Wild, die heute an der Universität Konstanz arbeitet, hat bei Michael Krützen an der Universität Zürich begonnen, diese Fangtechnik zu ergründen.

Die Delfine, die dieses Verhalten erlernt haben, leben in der Shark Bay in Westaustralien. Die Technik, mithilfe von Meeresschnecken Beute zu jagen, ist so selten zu beobachten, dass es Jahre dauerte, sie genau zu analysieren. Doch kürzlich präsentierten Wild, Krützen und weitere Forscher ihre Studienergebnisse in der Fachzeitschrift Current Biology - und die sind beeindruckend.

Das Team hat nicht nur zum zweiten Mal beschrieben, dass Delfine Werkzeuge benutzen, um an Nahrung zu kommen. Die Biologen haben zudem gezeigt, dass die Meeressäuger das Verhalten voneinander lernen können - und zwar noch im Erwachsenenalter. Ein solches kulturelles Lernverhalten sei bisher nur von Affen bekannt, sagt Krützen.

Die Tiere stülpen sich auch Schwämme zum Schutz über ihre Schnauzen

Der Biologe hat 2005 zusammen mit seinen Mitarbeitern das erste Mal darüber berichtet, wie Delfine lernen, Werkzeuge zu benutzen. Dabei handelte es sich nicht um Schneckenhäuser, sondern um Schwämme. Die Forscher hatten beobachtet, dass es Delfine gibt, die sich marine Schwämme beim Jagen auf die Schnauze stülpen. Das weiche Polster schützt die empfindlichen Schnauzen der Jäger zum Beispiel vor den Stacheln von Seeigeln, wenn sie am Meeresgrund nach Muscheln und Tintenfischen suchen. Krützen fand heraus, dass dieses Verhalten fast ausschließlich von den Müttern an ihre Töchter weitergegeben wird.

Es sei schon damals bemerkenswert gewesen, dass offenbar auch Delfine Werkzeuge benutzen - so wie manche Vogelarten und Primaten. "Experten nahmen aber an, dass lediglich junge Delfine in der Lage seien zu lernen", sagt Krützen. Für Delfine und andere Zahnwale galt beim Lernprozess bisher: "Mach nach, was die Mutter vormacht", sagt Krützen.

Jetzt mit der neuen Studie liegen hingegen deutliche Hinweise vor, dass auch ausgewachsene Delfine lernen können - und zwar nicht von der Mutter, sondern von gleichaltrigen Kollegen. Die Großen Tümmler müssen sich den Gebrauch von Meeresschneckenhäusern voneinander abgeschaut haben.

Die Zoologin Claudia Fichtel vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, die mit Affen forscht, findet die Studie "sehr interessant". "Dass Delfine in der Lage sind, von Gleichaltrigen zu lernen, ist etwas Besonderes", sagt Fichtel. Dabei weist sie darauf hin, dass neben Delfinen und Affen auch bei anderen Tierarten, "sogar bei Hummeln", eine Art von sozialem Lernen gezeigt werden konnte. Zudem sei die Anzahl der Delfine, die das Verhalten zeigten, sehr klein gewesen, sagt Fichtel. Dennoch findet sie die Methoden, mit denen die Forscher ihre Beobachtungen belegen, "sehr aussagekräftig". Letztlich seien Delfine sehr viel schwerer zu beobachten als Affen.

Sonja Wild hat die Delfine in der Shark Bay sieben Jahre lang beobachtet, seit ihrer Masterarbeit bei Krützen und während ihrer Doktorarbeit an der Universität Leeds. Sie hat das Jagdverhalten mit den Meeresschneckenhäusern, das die Forscher "Shelling" nennen, etwa 20 Mal selber gesehen. In der Studie hat Wild insgesamt 42 Shelling-Ereignisse aus den Jahren 2007 bis 2018 analysiert. Dabei waren es 19 Individuen, die diese Jagdtechnik beherrschten. In der Zeit hat das Team in der Shark Bay fast 5300 Begegnungen mit den Meeressäugern protokolliert. Mehr als 1000 Große Tümmler können die Biologen individuell zuordnen.

Zu diesem immensen Datensatz kommen genetische Informationen. Sie stammen aus mehr als 300 Gewebeproben von den Großen Tümmlern, die Krützen mit seinem Team gesammelt hat. Diese Vielfalt an Daten ermöglichte es Wild, genaue Analysen durchzuführen. "Wir wollten herausfinden, wie das Lernen entstanden ist", sagt die Meeresbiologin.

Dabei seien vier Möglichkeiten denkbar gewesen: Das Verhalten könnte vererbt sein. Demnach müssten die Delfine, bei denen die Forscher das Shelling sahen, verwandt sein. Es könnte an der Umwelt liegen. Dann würde das Verhalten beispielsweise nur in Regionen auftreten, wo besonders viele leere Schneckenhäuser zu finden sind. Die Delfine könnten es individuell jeweils zufällig selber erlernt haben. Dann müssten die Tiere unabhängig voneinander leben. Oder die Delfine haben sich das Verhalten von anderen Tieren abgeschaut. Dann müssten sich die Individuen, die das Shelling nutzen, regelmäßig treffen.

Sonja Wild hat mit den vorhandenen Daten die vier Möglichkeiten und eine Kombination von ihnen berechnet und ist zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: "Die Tiere, die das Shelling zeigen, stehen in Kontakt zueinander", sagt Wild. "Sie haben das Verhalten voneinander abgeschaut."

Forschung in der Shark Bay

Die Shark Bay ist eine Meeresbucht, die an der Westküste Australiens liegt, etwa 850 Kilometer nördlich von Perth. Die dort lebenden Indopazifischen Großen Tümmler sind die am besten erforschten Delfine weltweit. Forscher beobachten dort seit fast 40 Jahren das natürliche Verhalten der Meeressäuger. Die Bucht ist durch eine Halbinsel in einen westlichen und einen östlichen Abschnitt geteilt. Da sich die in den beiden Gebieten lebenden Delfingruppen nicht miteinander vermischen, sind auch vergleichende Studien möglich. Beispielsweise ist das Verhalten, einen Schwamm als Schnauzenschutz zu benutzen, sowohl in der westlichen Population als auch in der östlichen Population unabhängig voneinander erfunden worden. Schneckenhäuser zum Jagen zu benutzen, kommt ebenfalls bei beiden Delfinpopulationen vor. Das Verhalten beobachteten die Forscher jedoch häufiger in der westlichen Population und untersuchten es dort systematisch.

Michael Krützen von der Universität Zürich erforscht seit 1994 die Delfine in der Shark Bay. Einzig in diesem Jahr werden sein Team und er wegen der Corona-Pandemie vermutlich nicht in Australien arbeiten können. "Wir müssten erstmals unsere Langzeitbeobachtungen unterbrechen", sagt der Biologe. "Wir werden die neu geborenen Kälber nicht registrieren und die Gruppen der bekannten Delfine nicht weiterverfolgen können." Dennoch gibt es genug zu tun: "Wir haben mehr als 30 000 Datensätze in den vergangenen Jahren gesammelt", sagt Krützen. "Die müssen wir aufbereiten." Sie sollen helfen, weitere Verhaltensweisen der Delfine zu deuten.

Aber wie sind die Delfine auf diese ungewöhnliche Fangtechnik gekommen? "Das Shelling scheint seit Längerem zu existieren, hat sich aber nach einer Hitzeperiode im Jahr 2011 intensiviert", sagt Wild. Das Wasser in der Shark Bay erwärmte sich um fast vier Grad während mehrerer Wochen. Dabei veränderte sich der Lebensraum in der Bucht: Seegraswiesen starben ab, Fische kamen um, und auch die Anzahl der Delfine sank. Einige Große Tümmler haben daraufhin wohl die ungewöhnliche Jagdmethode ausprobiert - zumal es viele leere Schneckenhäuser gab. Auch den Diadem-Walzenschnecken und den Großen Rüsselschnecken, von denen die Häuser stammen, setzte das zu warme Wasser zu.

Warum hat sich kulturelles Lernen ausgerechnet bei Primaten und Zahnwalen entwickelt?

"Wir vermuten, dass das Shelling sehr viel öfter auftritt, als wir es beobachten konnten", fügt Wild an. Zumal die Delfine nur wenige Sekunden lang auftauchen, um ihren Fang aus den Meeresschneckenhäusern zu verschlucken.

Bleibt die Frage: Warum hat sich kulturelles Lernen bei so unterschiedlichen Gruppen wie Primaten und Zahnwalen entwickelt? Es gebe durchaus einige Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Gruppen, sagt Michael Krützen. Beides sind langlebige Säugetiere mit einem großen Gehirn und der Fähigkeit, das Verhalten an neue Situationen anzupassen.

Delfine sind beim Werkzeuggebrauch allerdings im Vergleich zu Affen eingeschränkt, weil sie keine Hände haben. Doch was sie mit ihren Schnauzen anstellen, ist auch nicht schlecht.

© SZ

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