Biologie Strenge Hierarchien sorgen für sozialen Druck

Fehlen Verbündete, setzen die Weibchen vieler gemeinschaftlich lebender Arten auf Einschüchterung und sozialen Druck. Das muss nicht so grausam sein, wie es klingt - sofern alle Beteiligten die Spielregeln befolgen. Die sehen häufig eine strenge Hierarchie unter den Weibchen vor. Hat jedes seinen Platz zwischen Alpha und Omega gefunden, erübrigen sich viele Konflikte, ehe sie ausbrechen. Unter den Schimpansinnen des Gombe-Nationalparks etwa sehen die Spielregeln vor, dass nur die dominanten Weibchen oben in den Baumkronen fressen dürfen, wo die saftigsten Früchte wachsen. Ihre rangniederen Geschlechtsgenossinnen bleiben in den kargeren unteren Etagen - vielleicht mit leise knurrendem Magen, dafür unversehrt. Oft halten Hierarchien unter Weibchen länger als unter Männchen, wodurch Kämpfe zur Klärung der Rangordnung seltener nötig sind.

Jedoch zahlen die rangniederen Weibchen mancher Spezies einen hohen Preis dafür, dass sie die Rangordnung akzeptieren: Sie verzichten ihr Leben lang auf Nachwuchs; manchmal werden sie nicht einmal geschlechtsreif. Fruchtbarkeit und Fortpflanzung unterlegener Weibchen zu unterdrücken ist im Tierreich ein Mittel zur Ausübung weiblicher Macht. In Extremform praktizieren dies Nacktmulle. Sie leben in einem Tunnelsystem in Kolonien von bis zu 300 Tieren. Das Recht auf Nachwuchs liegt exklusiv bei dem Weibchen an der Spitze der Hierarchie. Die anderen werden so eingeschüchtert, dass ihnen Wille und Fähigkeit zur Fortpflanzung vergehen. Aus Sicht der Anführerin ist das perfekt: keine Jungtiere, die dem eigenen Nachwuchs die Ressourcen streitig machen könnten - das alles ohne Risiko, selbst auch nur einen Kratzer abzubekommen. Und falls ein unterlegenes Weibchen doch nicht pariert, wird es mit Kopfstößen tief in einen Tunnel geschubst.

"Maximale Schädigung der Konkurrentin"

Auch Steppenpavian-Weibchen am unteren Ende der Hierarchie müssen während ihrer fruchtbaren Tage Aggressionen dominanter Weibchen ertragen. Selbst wenn die bedrängten Weibchen ein paar Minuten für ungestörten Sex finden, reduzieren die Attacken die Chance, dass sich der Embryo einnistet und normal entwickelt. Geburtenkontrolle per Psychostress ist keine Seltenheit im Tierreich. Blutig wird es, wenn eine Unterlegene doch zum Zug kommt. Dessen Nachkommen haben meist nicht lange zu leben: Infantizid durch Weibchen ist verbreitet, so bei Erdmännchen, Erdhörnchen, Krallenaffen, manchen Singvögeln und Schimpansen.

Auf ihrer Expedition durch das Tierreich haben die Forscher auch Menschen nicht ausgelassen - und Parallelen gefunden. "Frauen zeigen deutlich weniger physische Aggression als Männer", schreiben Clutton-Brock und Huchard. "Das soll nicht heißen, dass Frauen keine Kontrolle ausüben wollen über das Verhalten anderer. Aber normalerweise lernen Mädchen dies auf subtilem Wege zu tun, der ohne direkte Konfrontation auskommt."

Demnach fliegen im Streit zwischen Frauen seltener Fäuste als verletzende Worte - und auch die oft nur Dritten gegenüber. Wer in großer Runde über eine Abwesende lästert, kann ziemlich sicher sein, dass die Betroffene irgendwann von der Schmähung erfährt. Von wem sie stammt, lässt sich oft nicht mehr rekonstruieren. In den Worten des finnischen Psychologen Kaj Björkqvist bietet diese Strategie "maximale Schädigung der Konkurrentin bei minimalem Risiko für die eigene Person". Worte als Waffen wirken unter Frauen auch deshalb so mächtig, weil sie oft enge Bindungen untereinander pflegen. Erst diese emotionale Abhängigkeit lässt die geringschätzige Bemerkung, den abwertenden Blick der anderen so schmerzen. Und sie macht die - oft nicht einmal explizit geäußerte - Androhung, bei Aufbegehren aus der Gemeinschaft gestoßen zu werden, zur schlimmsten Form der indirekten Aggressivität.

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