Biologie Das weibliche Dilemma: Kampf oder Kinder?

All diese Beispiele werfen eine Frage auf: Wenn Wettbewerb und Rivalitäten auch im Leben der Weibchen eine wichtige Rolle spielen - warum sind sie dann nicht besser bewaffnet und üppiger mit Statussymbolen ausgestattet? Ein Pfauenrad, ein Geweih oder imposante Muskelpakete würden doch auch ihnen zu mehr Ansehen und Schlagkraft verhelfen. Trotzdem bleibt diese offensichtliche Protzerei im Wesentlichen den Männchen vorbehalten.

Dahinter steckt keine Ungerechtigkeit der Evolution, sondern kühles Abwägen: Ist die Prahlerei ihren Preis wert? Alles, was auffallend bunt, laut und groß ist, kostet viel Energie. Auch dann, wenn die an anderer Stelle dringender benötigt wird, zum Überleben etwa. Doch ein Hirschbulle, dessen Geweih wächst, kann nicht das Programm wechseln und auf Energiesparen schalten. Womöglich stirbt der Bulle also, weil seine Ressourcen schlecht verteilt waren. Aus evolutionärer Sicht ist das nicht schlimm, denn in der Kalkulation der Natur zählt nur das Überleben des Nachwuchses. Das hängt bei den meisten Arten viel mehr von der Mutter ab als vom Vater. Also sollte vor allem das Weibchen klug mit seiner Energie haushalten, damit immer genug für den Nachwuchs bleibt.

Damit jedoch steckt das Weibchen in einem Dilemma. Um den Jungen beste Chancen zu bieten, hilft hin und wieder auch eine Prise Kampfgeist. Schließlich gibt es den besten Partner, das nahrhafteste Futter und den geeignetsten Nistplatz meist nicht geschenkt. Das Weibchen muss sich also entscheiden: Kampf oder Kinder?

Eher psychische statt physische Gewalt

Die Antwort der Evolution besteht in einem salomonischen "je nachdem". Die besten Chancen haben Mutter und Nachwuchs, wenn das Weibchen flexibel reagieren kann. Wie das funktioniert, zeigen Mäuse. Die Nager scheiden mit ihrem Urin Proteine aus, über die sie Artgenossen Stimmung und Status mitteilen. Obwohl beide Geschlechter diese Proteine herstellen, sind sie im Urin der Weibchen niedriger konzentriert. Gibt es aber einen Grund zum Wetteifern, etwa um einen Partner, fahren sie die Produktion der Proteine für kurze Zeit massiv hoch. Haben die Moleküle ihren Zweck erfüllt, investiert das Weibchen seine Energie wieder anderswo, etwa in die Aufzucht der Jungen.

Auch die Weibchen anderer Arten produzieren chemische Statussymbole nur bei Bedarf. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum Forscher die Duftmarken von Weibchen lange missachtet haben: Sie sind ihnen schlicht nicht aufgefallen. Die Strategien der Weibchen zu verstehen erfordert Geduld und einen langen Atem.

Weitere Eigenarten weiblicher Aggressivität lassen sich ebenfalls damit erklären, dass die Evolution stets das Wohl der Nachkommen im Blick hat. So liegt etwas Wahres in dem Klischee, wonach Weibchen eher auf psychische als auf physische Gewalt setzen. Den geschilderten Beispielen kampfeslustiger Weibchen zum Trotz schreiben Huchard und Clutton-Brock in den Philosophical Transactions: "Obwohl es verfehlt wäre, Weibchen als pazifistisch zu charakterisieren, sind bei den meisten Arten Kämpfe mit ernsthaften Verletzungen zwischen Weibchen seltener." Körperliche Angriffe bergen selbst für das überlegene Weibchen das Risiko, schwere Schäden davonzutragen und nicht mehr für den Nachwuchs sorgen zu können. Einigermaßen gebannt ist diese Gefahr nur in Konstellationen, die höchst unfair erscheinen: viele gegen eine.

Von derartigen Allianzen aggressiver Weibchen berichten die Schimpansenforscherinnen Anne Pusey und Kara Schroepfer-Walker von der Duke University in North Carolina. Normalerweise haben die Schimpansinnen einer Gruppe wenig miteinander zu tun, sodass Konflikte gar nicht aufkommen. Versucht aber ein fremdes Weibchen, sich der Gruppe anzuschließen, rotten sich deren weibliche Mitglieder zusammen und gehen auf die Neue los. Im Gombe-Nationalpark in Tansania sei ein vagabundierendes Weibchen einmal neun Stunden lang von einer Koalition wütender Schimpansinnen attackiert worden, ehe sich die Einzelgängerin schwer verwundet zurückziehen konnte, berichten die Biologinnen.