Bio:Qualzuchten sind weit verbreitet

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Ob Bio oder nicht: Den Preisdruck im Lebensmittelsektor spüren alle Bauern, und so werden die Tiere fast überall gnadenlos auf Leistung hin optimiert. Masthähnchen sind lebende Produktionsstätten von Hähnchenbrustfilets. An der Brust setzen sie so viel Fleisch an, dass ihre Beine sich unter dem Gewicht grotesk verformen. Die Hähne müssen ihre übergroße Brust zunehmend auf dem Boden ablegen, wo sie Wunden und Entzündungen davon trägt. "Diese Qualzuchtrassen werden zumeist auch in der Biohaltung eingesetzt", sagt Lisa Wittmann von der Tierschutzorganisation Peta. Nach 80 Tagen endet das Leben dieser Hähne unter dem Schlachtemesser; ihre natürliche Lebenserwartung beträgt bis zu zehn Jahre.

Kühe geben heute sechsmal mehr Milch, als sie von Natur aus tun würden. Damit unnatürlich viel rauskommt, muss unnatürlich viel reingesteckt werden: Enorme Mengen an Kraftfutter, für die das Verdauungssystem der Tiere nicht ausgelegt ist. Die Kühe können schwer krank werden. Das Problem ist nicht auf konventionelle Höfe beschränkt, erläutert Thomas Richter, Vorstandsmitglied in der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz.

Es ist unbenommen, dass die Zustände in der konventionellen Mast noch viel schlimmer sind. Wer die Bilder von riesigen, lichtlosen Hallen sieht, in denen zehntausende Hähne oder Hennen verstört, verletzt, verdreckt ihrem Tod im Schlachthaus entgegen vegetieren, kann sie so schnell nicht vergessen. Aber ist besser als ganz schlimm zwangsläufig gut?

Die Einschätzungen gehen weit auseinander. Der Deutsche Tierschutzbund erklärt, in Bio-Haltung werde signifikant mehr für den Tierschutz getan - räumt aber zugleich ein, dass der Schwerpunkt in der in der Ökolandwirtschaft "nicht so sehr auf dem Tierschutz liegt".

Hilal Sezgin befasst sich als Philosophin und Buchautorin seit langem mit der Tierethik. In ihrem aktuellen Buch "Artgerecht ist nur die Freiheit" resümiert sie: "Natürlich werden auch bei der Bio-Haltung Tiere eingepfercht, können sie ihre artgemäßen Verhaltensweisen nicht ausüben, werden Familien auseinandergerissen und sind die Tiere meist bereits so gezüchtet, dass sie physisch leiden". Ihre Lösung ist eine vegane Ernährung. Kompletter Verzicht auf tierische Produkte ist auch die Konsequenz von Peta.

Urs Niggli hält dagegen, dass drei Viertel der globalen Landwirtschaftsfläche Dauergrünland ist, das sich für den Anbau von Nutzpflanzen nicht eignet. "Kühe, Schafe und Ziegen erzeugen daraus wertvolle eiweisshaltige Lebensmittel. Umso wichtiger ist es, dass der Umgang mit Tieren respektvoll ist. Der Ökolandbau muss hier zum Vorreiter werden".

Dagegen hält Thomas Blaha, Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz, gar nichts von der Diskussion Bio oder konventionell. Für ihn ist entscheidend, dass Bauern mit Sorgfalt, Kenntnis und Empathie nach ihren Tieren schauen. Dies ist eher eine Frage der Persönlichkeit und der finanziellen Ressourcen als eine der Haltungsformen.

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