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Bergbau in der Tiefsee:Riskante Schatzsuche am Meeresgrund

Schwarzer Raucher am Meeresgrund

Ein schwarzer Raucher am Meeresgrund

(Foto: GEOMAR Helmholtz-Zentrum, Kiel)

In der Tiefsee herrscht Goldgräberstimmung - immer mehr Staaten wollen Rohstoffe aus den Ozeanen fördern. Doch niemand weiß, ob die Ökosysteme das verkraften.

Die Claims sind abgesteckt, die Schürfrechte sind vergeben. Vor der Küste Namibias ist der Phosphatrausch ausgebrochen: In einer Tiefe von mehr als 300 Metern wollen Rohstoffjäger den Meeresboden ausheben. Sie wollen den Schlamm an die Wasseroberfläche saugen, an Land transportieren, filtern. Übrig bleiben sollen Phosphatkörnchen, die sich weltweit als Dünger verkaufen lassen. Der restliche Dreck soll einfach wieder ins Meer gekippt werden. In der Tiefsee herrscht Goldgräberstimmung. "Die Industrialisierung, die im vergangenen Jahrhundert das Land geprägt hat, wird nun in den Weltmeeren Realität", sagt Lisa Levin, Meeresökologin am Scripps-Institut für Ozeanographie im kalifornischen La Jolla. Zusammen mit Kollegen hat Levin Mitte Februar auf dem Jahrestreffen des US-Forscherverbands AAAS in Chicago vor einer Ausbeutung der Tiefsee gewarnt.

Stattdessen fordern die Forscher ein gemeinsames Vorgehen zum Schutz der Meere - über alle Länder, Wirtschaftssektoren und wissenschaftliche Disziplinen hinweg. "Es wird Zeit zu handeln", sagt Cindy Lee van Dover, Direktorin des Meeresforschungslabors der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina. "Wenn wir fortschrittliche Umweltrichtlinien umsetzen wollen, dürfen wir nicht warten, bis der große Reibach gemacht wird."

"Was sich dort unten abspielt, entzieht sich dem Blick"

Die Hoffnung auf lukrative Geschäfte ist groß. So braucht allein die Batterie eines Hybridautos mehr als zehn Kilogramm Lanthan - ein silbriges Übergangsmetall, das auf der Erde knapper wird, das in den Ozeanen aber häufig vorkommt. Auch Nickel, Kobalt, Mangan, Zink und Kupfer liegen in rauen Mengen am Meeresgrund, konstatiert der jüngst veröffentlichte World Ocean Report. Sie existieren als faustgroße Knollen auf dem Boden der Ozeane, als harte Krusten an den Hängen unterseeischer Gebirge, als Sulfidschichten rund um Tiefseevulkane. Und sie werden in einer hoch industrialisierten Welt voll mit Batterien, Legierungen und elektronischen Geräten zunehmend begehrter.

"Leider bleibt unser Wissen über die Tiefsee und die Vielfalt ihrer biologischen Systeme weit hinter dem rapiden Wachstum der menschlichen Aktivitäten zurück", sagt van Dover. "Was sich dort unten abspielt, entzieht sich unserem Blick und ist den meisten Menschen daher ziemlich egal." Wie sich Bergbau auf die Meere auswirken wird, kann niemand genau sagen.

Sicher ist nur, dass die Tiefsee enorme Bedeutung für das Leben auf der Erde hat: "In den vergangenen Jahrzehnten haben wir erkannt, dass sich auf dem Boden der Weltmeere keine schlammige Einöde befindet, sondern ein äußerst vielfältiges Ökosystem", sagt Lisa Levin. So ist die Tiefsee, die je nach Definition ab einer Tiefe von 200 Metern beginnt und mehr als die Hälfte der Erdoberfläche abdeckt, gespickt mit Zehntausenden Gebirgen. An deren Hängen finden sich nicht nur Rohstoffe, sondern auch die Kinderstuben bedrohter Fischarten.

Die Tiefsee speichert das Kohlendioxid, das von der Menschheit in die Atmosphäre geblasen wird. Sie ist Heimat seltener Arten. Deren Gene sind eine wichtige Quelle für neue Anwendungen in Pharmazie und Industrie. Sie sind aber mindestens genauso wichtig, um auf die stetigen Veränderungen im Unterwasserökosystem reagieren zu können. "Die Tiefsee ist - kurz gesagt - ein Paradies für Biologen und ein Traum für Geologen", sagt Kristina Gjerde von der Weltnaturschutzunion IUCN.

Jetzt ist dieser Traum in Gefahr. Nachdem die Fischerei und die Ölindustrie in die Tiefen des Meeres vorgedrungen sind, machen nun auch Rohstoffjäger Druck. Schon 19 Lizenzen für die Suche nach Bodenschätzen hat die Internationale Meeresbodenbehörde ISA vergeben - eine globale Organisation, die die Schätze der Tiefsee als "gemeinsames Erbe der Menschheit" verwalten soll. "Im Grunde geht es der Behörde aber darum, die Menschen zum Abbau der Bodenschätze zu ermuntern. Das ist ihre Einnahmequelle", sagt van Dover.

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