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Aufruhr in Ägypten:Angriff auf Tutanchamun

Das Ägyptische Museum in Kairo birgt einzigartige Schätze altägyptischer Kultur. Der Einbruch von Plünderern und Vandalen ist ein Schock.

Wer einmal ein paar Stunden im Ägyptischen Museum in Kairo verbracht hat, den muss die Nachricht, dass in den vergangenen Nächten dort Plünderer unterwegs waren, heftig schockieren. Denn in kaum einem anderen Großmuseum der Welt dürften die Schäden, die durch pure Unachtsamkeit entstehen können, größer sein als in diesem Schatzhaus der altägyptischen Kultur mit seinen teilweise hochempfindlichen Exponaten.

Im berühmten Ägyptischen Museum in Kairo hat das Militär die Touristen abgelöst. Angehörige einer Spezialeinheit der Armee schützen nun die Pharaonen-Statuen und Sarkophage, nachdem am Wochenende offenbar Mitarbeiter der Wachmannschaft des Museums in dem Gebäude randaliert und Ausstellungsstücke gestohlen und beschädigt hatten. Das Museum beherbergt die weltweit bedeutendste ägyptische Antikensammlung, zu den Beständen zählt auch der Schatz des Pharaos Tutanchamun.

(Foto: AP)

Wie die ehemalige Direktorin des Museums Wafaa El-Saddiq mitgeteilt hat, sind bei den Raubzügen zwei der in klimatisierten Glasschreinen bewahrten Mumien zerstört, einige Vitrinen mit wertvollen Objekten aus dem Grab des Tutanchamun leergeräumt und aufrechtstehende Figuren umgeworfen worden.

Da die Plünderer über Feuerleitern und Dachfenster eingestiegen sind, also genaue Kenntnisse von der Architektur des Gebäudes hatten, sei zu befürchten, dass das Sicherheitspersonal des Museums an den Einbrüchen beteiligt gewesen ist. Sogar Polizisten in Zivil sollen unter den Tätern gewesen sein - was den Verdacht nährt, dass auch diese Einbrüche von der Regierung inszeniert worden sein könnten, um die Protestierenden auf den Straßen zu diskreditieren.

Von anderer Warte aus hört sich das, was im derzeit von Panzern umstellten Ägyptischen Museum passiert sein soll, ganz anders an: Zahi Hawass, der in Museumsangelegenheiten allmächtige Generalsekretär der Ägyptischen Altertümerverwaltung, der neulich wieder einmal die Berliner Museen zur Rückgabe der Nofretete-Büste aufgefordert hat, teilte dem Sender al-Dschasira mit, dass es zwar einigen Randalierern gelungen sei, in das Museum einzudringen und Objekte aus dem Grab Tutanchamuns zu beschädigen, doch habe man sie verhaften können. Lediglich aus der Museumskasse sei Geld verschwunden.

Welcher der beiden Versionen man auch immer Glauben schenkt - höchst beunruhigend ist allein schon die Vorstellung, dass in den Tagen der Unruhen zweimal hintereinander Personen ungehindert über das Dach in das Museum einsteigen und sich dort betätigen konnten: Sowohl unter den unversicherten Schätzen in den öffentlich zugänglichen Ausstellungsfluchten als auch unter den zahllosen amtlich noch gar nicht registrierten Artefakten in den Kellerdepots hätten größte Schäden angerichtet werden können. So kann man nur hoffen, dass es der Armee und den über das Fernsehen zusammengerufenen zivilen Hilfskräften gelingt, das Gebäude zu schützen.

Das Ägyptische Museum in Kairo beherbergt die mit Abstand größte und bedeutendste Sammlung altägyptischer Kunstwerke. 120.000 Objekte aus archäologischen Fundstätten werden dort verwahrt. Nur ein Bruchteil davon kann in den beiden

Hauptausstellungsgeschossen ständig gezeigt werden - und auch von den bedeutendsten Stücken können nur ganz wenige so exzeptionell präsentiert werden, wie sie es ihrer kunsthistorischen Stellung nach verdient hätten. Mit anderen Worten: Der im Jahr 1902 eingeweihte monumentale Museumsbau ist heute viel zu klein, um auch nur den Hauptwerken gerecht werden zu können.

Doch an einen Ausbau des Museums ist nicht zu denken. Als der Bau, der mit einem unpassenden europäischen Klassizismus auftrumpft, Ende des 19.Jahrhunderts nach Plänen des französischen Architekten Marcel Dourgnon errichtet wurde, lag das Grundstück noch am Rand der Kernstadt. Heute ist der Al-Tahrir-Platz, an dem sich das Museum erhebt, eine der wichtigsten Verkehrsdrehscheiben im Gewühl der Innenstadt.

Pläne für ein zweites ägyptisches Museum, das heutigen Bedürfnissen entspricht, gibt es schon lange. Vor allem die Idee, dass man draußen bei den Pyramiden von Gizeh, also am touristischen Hauptziel der Region, die bedeutendsten Stücke aus den Sammlungen in einem eigens eingerichteten Großmuseum zelebriert und mit Sonderausstellungen würdigt, dürfte den Vorstellungen der heutigen Museumsmacher, aber auch denen der Kulturreise-Veranstalter weit entgegenkommen. Doch für ein solches Schauhaus hat bislang das Geld gefehlt.

Antikes gesammelt wird in Kairo erst seit dem Jahr 1835 - und eigentlich auch nur deshalb, weil man den schwunghaften Handel mit archäologischen Objekten in Richtung Europa eindämmen wollte. Wirkliches Bewusstsein für die Qualität altägyptischer Kunstwerke hat wohl erst der französische Ägyptologe Auguste Mariette gestiftet, der seit 1850 in Ägypten als Ausgräber und Wissenschaftler tätig war und die Beutestücke aus seinen Grabungen in einem eigenen Museum der Öffentlichkeit zugänglich machte. Auf seine Anregung hin wurden die Bestände seines eigenen und anderer spezialisierter Museen zu jener Sammlung vereint, für die dann der heute noch bestehende Bau errichtet wurde.

Immer schon haben sich die Besucher des Museums über die schäbige Präsentation einzigartiger Exponate gewundert. Die Massierung vergleichbarer Stücke auf engstem Raum bei miserabelster Beleuchtung nimmt den Skulpturen jegliche Aura. Selbst die über 4000 Jahre alten, naturalistisch kolorierten, in überwältigender physischer Präsenz vor die Besucher tretenden Sandsteinfiguren des Alten Reichs verlieren im Dämmer der Museumshallen viel von ihrer Kraft.

Und wer einmal eine der um die Welt gereisten Ausstellungen mit Objekten aus dem Grab Tutanchamuns gesehen hat, wird über die Präsentation der gleichen Stücke in den Fluren des Kairoer Museums enttäuscht sein. Dass Nofretete dort landen könnte, ist schon ausstellungstechnisch eine schreckliche Vorstellung.