Psychiatrie:Zu allem fähig

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Psychiatrie: "Kontakt mit dem Gesundheitsdienst": Der Attentäter von Kongsberg wird psychiatrisch untersucht - ein mutmaßlich von ihm verschossener Pfeil in einer Hauswand.

"Kontakt mit dem Gesundheitsdienst": Der Attentäter von Kongsberg wird psychiatrisch untersucht - ein mutmaßlich von ihm verschossener Pfeil in einer Hauswand.

(Foto: Håkon Mosvold Larsen/AP)

Psychische Störungen können in seltenen Fällen zu Gewalttaten beitragen. Doch die wenigsten Terroristen sind wahnsinnig.

Von Christian Weber

Urteile und Schlussfolgerungen sind oft genauso schnell gemacht wie leichtfertig: Da tötet jemand unter anderem mit Pfeil und Bogen fünf Menschen, einfach so, auf der Straße, das kann nur ein Wahnsinniger tun. Doch so klar liegt die Sache häufig nicht, das weiß man von anderen Anschlägen.

"Die Psychiatrisierung des Terrorismus bagatellisiert ihn, weil sie ihn auf die individuelle Pathologie reduziert", sagte die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh nach dem Massaker von Paris dieser Zeitung. "Bislang ist keine für Terroristen hochspezifische Persönlichkeitsstörung gefunden worden." Der Verdacht, dass nur Wahnsinnige so morden könnten, hänge auch damit zusammen, dass über Jahrzehnte hinweg in weiten Teilen Europas ziemlich friedliche Zeiten herrschten. Doch man sollte nur an die Zeit des Nationalsozialismus denken, als offenbar ganz normale Familienväter systematisch mordeten. Menschen waren schon immer fähig und bereit zu töten.

Noch weiß man wenig über den 37-jährigen Attentäter von Kongsberg. Die Tatsache, dass er zum Islam konvertiert ist, gibt der Polizei zumindest einen Anlass, wegen Terrorverdacht zu ermitteln. Vielleicht ist er einer der jungen Menschen, die mit der Komplexität der modernen Welt nicht zurechtkommen, und einer, der sich über die Jahre radikalisiert hat und dem seine Tat ein paar Tage oder Wochen Berühmtheit verschaffen soll. Allerdings gibt es auch Hinweise auf eine psychische Störung des Täters, wobei die genaue Diagnose noch nicht bekannt ist. Über die Bedeutung dieser Tatsache kann man derzeit nur spekulieren.

Klar ist allerdings, dass psychisch kranke Menschen in aller Regel eher Opfer von Straftaten werden, als dass sie selbst Täter sind. Nach einer Studie im British Medical Journal, die vor wenigen Jahren erschien, fallen sie fünfmal so häufig einem Mord zum Opfer als der Durchschnitt der Bevölkerung. Allerdings sollte man nicht verschweigen, dass es bei bestimmten Diagnosen durchaus Hinweise auf eine erhöhte Gewaltneigung gibt, auch wenn Psychiater und Psychiaterinnen das aus ehrenwerten Gründen nicht so laut sagen: Sie wollen auf keinen Fall zu einer Stigmatisierung beitragen.

In Deutschland verüben schizophrene Menschen pro Jahr 30 tödliche Gewalttaten

Dennoch zeigen die vorliegenden Studien, dass Menschen mit einer schizophrenen Psychose mit einer 2,4- bis 5,2-fach erhöhten Wahrscheinlichkeit eine tödliche Gewalttat begehen. Genaue Aussagen sind schwierig, weil der Faktor umso größer wird, je größer die Dunkelziffer bei der Diagnostik ist: Schwere Gewalttaten werden kaum übersehen, psychische Störungen häufig. Und dann gibt es Diskussionen über die Kausalität.

Schizophrenie ist häufig mit Substanzmissbrauch verbunden, der wiederum zu Gewalt führen kann. Wen macht man verantwortlich? Die Psychiater Asmus Finzen und Georg Schomerus schätzen dennoch in einer Analyse im Fachblatt Psychiatrische Praxis, dass man in Deutschland jährlich mit etwa 30 Morden und Totschlägen durch schizophrene Menschen rechnen muss. Zur Einordnung: Hierzulande leiden 800 000 bis 1,7 Millionen Menschen unter einer Psychose, gut 30 Prozent der Bevölkerung sind bei weitgefasster Definition einmal im Jahr psychisch krank.

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Die Tat erscheine "zum jetzigen Zeitpunkt als eine Terrortat", teilt die Polizei mit. Der Mann, der in Norwegen fünf Menschen tötete, stand bereits mehrfach vor Gericht, bedrohte die eigene Familie und ist zum Islam konvertiert.

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