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Archäologie:Parallelwelt in der Steinzeit

Steinzeit

Ein Wissenschaftler untersucht Knochen in der Blätterhöhle bei Hagen in Westfalen, wo während der Steinzeit Wildbeuter und Bauern ihre Toten bestatteten

(Foto: DFG project Blätterhöhle)

Als die ersten Bauern in Mitteleuropa auftauchten, verschwanden die Jäger und Sammler dort nicht gleich. Vielmehr lebten Gruppen mit unterschiedlicher Lebensweise noch mindestens 2000 Jahre neben- und sogar miteinander. Das zeigen DNA-Analysen.

Von Andreas Frey

In Mitteleuropa gab es mindestens 2000 Jahre lang zwei parallele Welten. In der Steinzeit lebten noch Jäger und Sammler, während bereits Ackerbauern sesshaft wurden - viel länger, als man bisher dachte. Das berichten die Anthropologen Joachim Burger und Ruth Bollongino von der Universität Mainz (Science, online).

Demnach verschwanden die Jäger und Sammler nicht plötzlich, nachdem die ersten Ackerbauern vor etwa 7500 Jahren eingewandert waren, sondern sie lebten mindestens 2000 Jahre lang neben- und miteinander.

Zu dieser überraschenden Erkenntnis kamen die Wissenschaftler mithilfe der DNA-Analyse von 25 Skeletten aus der Blätterhöhle bei Hagen in Westfalen, in der Wildbeuter und Bauern gleichermaßen ihre Toten bestatteten.

Beide Gruppen kannten sich offenbar, hatten Kontakt, aber wenig Konflikte, da sie unterschiedliche Lebensräume beanspruchten. Vielmehr war es so, dass sich eher die Ackerbauern untereinander die Köpfe einschlugen.

"Das Verrückte ist, dass die Jäger und Sammler an ihrem Lebensstil festhielten, obwohl um die Ecke Ackerbau betrieben wurde", sagt Joachim Burger. Sie aßen statt Getreide weiterhin lieber das viel schwerer zu beschaffende Fleisch von Wildtieren und Fischen.

Ein ähnliches Verhalten könne man sich bei Tieren nicht vorstellen. Womöglich hatten sie ein unerschütterliches Selbstvertrauen oder waren besonders konservativ. Es kam allerdings vor, dass eine Jäger-und-Sammler-Frau in die Bauerngesellschaft einheiratete. Das belegen Genanalysen der Skelette.

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In einem Labor an der Universität Mainz gewinnen Paläogenetiker DNA aus einem der Knochen aus der Blätterhöhle

(Foto: Photographer:Thomas Hartmann Fot; T. Hartmann)

Die Heirat eines Bauern bedeutete wohl einen sozialen Aufstieg für die Frau. Burger zufolge gebar sie im Schnitt vier Mal so viele Kinder. Ehen zwischen Bauerntöchtern und Wildbeutern gab es hingegen kaum.

"Wir Mitteleuropäer sind ein Mosaik", sagt Burger. Bis vor wenigen Jahren nahmen die Forscher an, die Ackerbauern wären direkte Nachfahren der Jäger und Sammler gewesen. Aber sie waren Einwanderer, vermutlich aus Südosteuropa.

© SZ vom 11.10.2013/mcs
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