Archäologie:Ackerbau ist mehrmals entstanden

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Der Fluss Konjan Cham im Iran. Hier sind Wissenschaftler auf Hinweise auf frühe Landwirtschaft gestoßen. (Foto: TISARP/University of Tübingen)

Die neolithische Revolution vor 12.000 Jahren fand nicht an einem einzigen Ort im Nahen Osten statt, sondern in mehreren Regionen gleichzeitig. Das zeigen Funde von Urgetreide im Iran.

Von Hubert Filser

Landwirtschaft ist nicht nur an einem Ort entstanden, sondern in vielen Regionen gleichzeitig. Das schreiben Forscher um Simone Riehl von der Universität Tübingen im Fachmagazin Science (Bd. 341, S. 65, 2013).

Die Wissenschaftler haben im Iran bis zu 12.000 Jahre alte Reste von Urgetreide und Hülsenfrüchten entdeckt. Die Funde zeigen, dass nicht nur im westlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds frühe Formen der Landwirtschaft auftauchten - wovon viele Archäologen bislang ausgegangen waren - sondern zeitgleich auch im östlichen Bereich.

Der Fruchtbare Halbmond ist eine sichelförmige Großregion vom heutigen Israel über den Libanon, den Südosten der Türkei bis zum Iran und Irak. Die Region gilt als Wiege der modernen Zivilisation, wo die Menschheit erstmals sesshaft geworden ist.

Der neue Fundort Chogha Golan liegt in den Ausläufern des Zagros-Gebirges. Die Tübinger Forscher sammelten dort Proben von Pflanzen und untersuchten Knochenreste und Artefakte, darunter frühe Haushaltgeräte wie Mörser und Reibschalen aus Stein. Damit rieben die Menschen das Getreide klein, um es dann mit Wasser zu Brei zu verarbeiten oder auch zu rösten.

Für Wissenschaftler sind solche Spuren wertvoll, weil sie nicht nur zeigen, wie früh die Menschen bereits bestimmte Getreidearten genutzt haben, sondern auch, wie genau die Domestizierung der wilden Sorten vonstattengegangen sein könnte.

Dass die ersten Haushaltsgeräte und Getreidearten zur gleichen Zeit in weit entfernten Regionen auftauchen, ist der Beleg, dass es für die Idee der Landwirtschaft kein eng begrenztes Gebiet gab. Es sieht so aus, als habe es verschiedene Kernregionen der Domestizierung gegeben, schreiben die Forscher.

Einer der Ausgrabungsorte am Chogha Golan (Foto: TISARP/University of Tübingen)

Unklare Ausbreitung der Idee

Unklar ist noch, wie sich die Idee verbreitet hat. Entweder hatten die Menschen den gleichen Einfall an vielen Orten. Oder die Menschen wanderten weite Strecken und nahmen die Idee der Landwirtschaft mit. Oder sie gaben nur die kultivierten Pflanzensamen an andere Gruppen weiter.

Die Auswertungen zeigen, dass die Zeit vor 12.000 Jahren reif war für eine gewaltige Revolution, die sich dann aber eher langsam vollzog. Zunächst sammelten die Menschen noch das Wildgetreide oder Linsen und Saat-Platterbsen. Dann verschwanden manche Sorten wieder, bis vor 9800 Jahren die ersten domestizierten Getreidearten auftauchten, allen voran der sogenannte Emmer. Er gilt als Beleg, dass die Menschen Getreide gezielt anbauten und den Ertrag steigerten - der Beginn des gezielten Land-Managements.

So ergibt sich allmählich ein genaueres Bild, wie aus Jägern und Sammlern im Lauf von mehr als 2000 Jahren langsam sesshafte Bauern wurden. Auch Kultstätten wie die gewaltigen Steinkreise am Göbekli Tepe im Südosten der Türkei spielten eine wichtige Rolle.

Dort kamen über mehrere Hundert Quadratkilometer lokal verstreute Gruppen zu großen Festen zusammen und entwickelten eine gemeinsame kulturelle Identität. Vielleicht tauschten sie dort auch ihre neuen Ideen aus. Klaus Schmidt, der Ausgräber am Göbekli Tepe, geht davon aus, dass die Menschen dort vor 11.500 Jahren aus dem gesammelten Wildgetreide auch schon Bier gebraut haben.

© SZ vom 05.07.2013 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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