Archäologie:Fußabdrücke deuten auf frühere Besiedlung Amerikas hin

Archäologie: Die Fußspuren in New Mexico haben Menschen vermutlich vor 23000 bis 21000 Jahren hinterlassen.

Die Fußspuren in New Mexico haben Menschen vermutlich vor 23000 bis 21000 Jahren hinterlassen.

(Foto: National Park Service / USGS / Bournemouth University)

Funde in New Mexico zeigen, dass Menschen wohl schon während der letzten Eiszeit im Süden des Kontinents lebten - Tausende Jahre früher als vermutet.

Von Lizzie Wade

Vor 23 000 bis 21 000 Jahren stapften die Menschen allein und in kleinen Gruppen an einem Seeufer im heutigen New Mexico durch den Schlamm und hinterließen ihre Fußabdrücke. So lautet zumindest die Schlussfolgerung einer neuen Studie, die der Archäologe Loren Davis von der Oregon State University in Corvallis als "potenziell bahnbrechend" bezeichnet. Wenn die Daten stimmen, wäre die Entdeckung der bisher stärkste Beweis dafür, dass Menschen Amerika mitten in der letzten Eiszeit erreichten, Tausende Jahre früher als viele Archäologen dachten.

"Wenn das stimmt, wird es die Art und Weise revolutionieren, wie wir über Archäologie in Amerika nachdenken", sagt Davis, der nicht an der Arbeit beteiligt war. Es könnte die Debatte darüber neu entfachen, wie die ersten Menschen den Kontinent von Asien aus erreichten. Doch Davis und andere würden die überraschenden Daten gerne erhärtet sehen, bevor sie ihr Verständnis davon umschreiben, wann und wie die Menschen auf den Kontinent kamen.

Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor etwa 26 500 bis 19 000 Jahren verband eine Landbrücke Russland und Alaska. So konnten Menschen die heute größtenteils unter Wasser liegende Region Beringia besiedeln. Doch Gletscher bedeckten große Teile Kanadas und versperrten den Weg nach Süden in das Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten und darüber hinaus. Archäologen gingen zunächst davon aus, dass die ersten Menschen Amerika durch einen Korridor erreichten, der sich vor etwa 13 500 Jahren zwischen den Gletschern auftat. Funde aus den letzten Jahrzehnten an mehreren Orten deuten jedoch darauf hin, dass sich Menschen schon vor mehr als 16 000 Jahren in Amerika aufhielten. Das führte zu der Vermutung, dass die ersten Ankömmlinge das Eis umgingen, indem sie mit dem Boot die Pazifikküste entlangfuhren.

Möglicherweise stammen die Fußspuren von Jugendlichen, die sich am See die Zeit vertrieben

Einige wenige Fundstellen deuten auf ein noch älteres Datum hin, aber diese Befunde sind umstritten. So wurde letztes Jahr in einem Nature-Artikel behauptet, dass Menschen in einer Höhle im Hochland von Zacatecas, Mexiko, vor mindestens 27 000 Jahren Artefakte hinterließen. Doch viele Archäologen bezweifeln, dass es sich bei den zerbrochenen Felsen tatsächlich um Steinwerkzeuge handelt.

Fußabdrücke seien "eine ganz andere Stufe von Beweisen", sagt Ciprian Ardelean, ein Archäologe an der Autonomen Universität von Zacatecas, der die Höhle entdeckt hat. "Menschliche Fußabdrücke auf dem Boden sind unbestreitbar."

Bei jahrelanger Feldforschung im White Sands National Park in New Mexico haben Forscher Tausende Fußabdrücke entdeckt, die Menschen und Tiere in einer inzwischen ausgetrockneten Seensohle hinterließen, darunter auch ausgestorbene Mammuts und Faultiere. In der neuen Studie im Fachblatt Science geht es um 60 menschliche Fußabdrücke aus sieben Sedimentschichten. Michael Bennett, Experte für alte Fußabdrücke an der Universität Bournemouth, vergleicht die Funde mit einer regelmäßig neu beschriebenen Pergamentseite, was auf "Menschen, die über einen langen Zeitraum hinweg gelaufen sind" hindeute. Aufgrund der Größe der Abdrücke geht er davon aus, dass die meisten von Teenagern und Kindern hinterlassen wurden, die vielleicht Wasser holten oder sich einfach nur die Zeit vertrieben. "Menschen verbringen viel Zeit mit Spielen. Und wo könnte man besser spielen als am Rande eines Sees?", sagt Daniel Odess, Archäologe bei der US-Nationalparkverwaltung.

"Es besteht kein Zweifel, dass es sich um menschliche Fußabdrücke handelt", sagt Kevin Hatala, ein Experte für antike Fußabdrücke an der Chatham University. Die Frage ist nur: Wie alt sind sie genau? Um das herauszufinden, haben die Forscher Samen, die in mehreren Erdschichten zwischen den Fußabdrücken eingebettet waren, mit der Radiokarbonmethode datiert. Demnach sind die Samen zwischen 23 000 und 21 000 Jahre alt und fallen damit auf den Höhepunkt der eiszeitlichen Vergletscherung. Wenn die Abdrücke ebenfalls so alt sind, müssen die Menschen nach Amerika gelangt sein, bevor Eisschilde den Weg versperrten. Eine frühe Reise auf dem Landweg könnte also möglich gewesen sein.

"Wir haben immer wieder versucht, unsere eigenen Ergebnisse zu widerlegen", sagt Odess. Zum Beispiel überprüften die Forscher, ob die chemische Zusammensetzung des alten Seewassers die Daten verfälscht haben könnte. Aber immer wieder habe man das Ergebnis erhalten: "Ja, sie sind wirklich so alt."

Loren Davis von der Oregon State University weist jedoch auf eine weitere Möglichkeit hin: Die Samen könnten älter sein als die Fußabdrücke, weil sie womöglich aus älteren Sedimenten erodierten und dann in den Schlamm gesiebt wurden, den das Team ausgegraben hat. Womöglich könnte eine Lumineszenzdatierung Aufschluss geben, wann das Sediment um die Fußabdrücke herum verschüttet wurde, schlägt Davis vor.

Bislang hat das Team noch keine Artefakte gefunden, die Aufschluss über die Kultur der Menschen geben könnten, von denen die Fußabdrücke stammen. Laut Odess untermauert White Sands aber andere Spuren einer frühen Besiedlung Amerikas. "Bei etwas so Außergewöhnlichem wäre es schön, wenn wir mehrere Beweislinien hätten", gibt der Archäologe Ben Potter von der Universität Liaocheng zu bedenken. Doch auch wenn die Belege noch nicht endgültig seien: Die Funde in White Sands lieferten "starke Argumente für eine sehr frühe Besiedlung".

Dieser Beitrag ist im Original im Wissenschaftsmagazin Science erschienen, herausgegeben von der AAAS. Deutsche Bearbeitung: cvei.

© SZ
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