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Psychologie:Wer übertreibt, verdirbt die Sache

Zudem existieren zahlreiche Studien, die den Ergebnissen der Psychologen um Schindler Plausibilität verleihen. Bekannt ist, dass Achtsamkeit hilft, den Emotionshaushalt zu regulieren: Schlechte Gefühle belasten dann weniger und stauen sich nicht so leicht zu einer großen Bürde an. Und die Psychologen Malte Friese und Wilhelm Hofmann berichteten kürzlich in einer Studie ebenfalls, dass Achtsamkeitsübungen ein schlechtes Gewissen mindern könnten und wohl der Selbstregulation förderlich seien.

Der Psychologe Schindler fasst all das polemisch überspitzt zusammen: "Achtsamkeit passt super zum Turbokapitalismus." Dem Selbstoptimierer hilft die Technik womöglich, das Selbst und die Karriere voranzubringen. Einer Unternehmensberaterin könnte es mit Achtsamkeit leichter fallen, Entlassungen zu vertreten. Angestellten von Google könnten die Übungen das Gewissen erleichtern: Ist der Geist leer, ließe es sich eher akzeptieren, die Privatsphäre von Milliarden Menschen abzuschaffen - aber das ist pure Spekulation.

Im US Marine Corps hilft die Technik, den besseren Soldaten zu formen. 2014 berichteten Psychiater um Douglas Johnson im Fachblatt American Journal of Psychiatry von einer entsprechenden Studie. Achtsamkeit ermöglichte den Soldaten, Stress im Training oder im Einsatz besser zu verdauen, also wohl auch, den Horror eines Gefechtes wegzustecken. Diese Form der Resilienz sei "entscheidend für die optimale Funktionsfähigkeit für militärisches Personal während eines Einsatzes", schreiben die Psychiater. Achtsame Soldaten könnten demnach ihr Handwerk effektiver ausüben und die Folgen des Tötens eher ertragen - ein Scharfschütze etwa.

Einsatzmöglichkeiten wie diese machen Achtsamkeit nun weder per se gut noch böse. "Es kommt eben darauf an, mit welcher Absicht man an solche Übungen herangeht", sagt Schindler.

Im Alltag, im Beruf oder diesem sogenannten Leben besteht das Ziel ja meist darin, den Kopf über Wasser zu halten, Ziele zu erreichen und den permanenten Stress zu verdauen. Gut möglich, dass Achtsamkeit dabei unterstützend wirken kann. Doch dabei gilt: Wer übertreibt, verdirbt die Sache.

So zeigte die Psychiaterin Willoughby Britton von der Brown University kürzlich im Fachblatt Current Opinion in Psychology, dass auch in Sachen Achtsamkeit die Dosis relevant ist. Mit Übertreibung gehe mitunter eine getrübte seelische Gesundheit einher, etwa depressive Verstimmungen oder Angstzustände. Und wenn Achtsamkeit es erleichtere, sich von negativen Gefühlen zu dissoziieren, so fragt Britton, wo befinde sich dann die Grenze, von der an diese Distanzierung zu weit gehe und das Reich der Psychopathie beginne? Dass weniger manchmal mehr sein kann, zeigt sich auch im Zusammenhang mit der Schlafqualität: Zu intensiv in Achtsamkeitsübungen einzutauchen, kann offenbar den guten Schlummer beeinträchtigen.

All das sollte nun nicht dazu verleiten, die Achtsamkeit pauschal zu verteufeln und vom sanften Sockel in den finsteren Keller zu stoßen. Sicherlich können viele von der Technik profitieren. Doch: "Studien zu Achtsamkeit überrepräsentieren die positiven Ergebnisse", sagt Britton. Negative Befunde würden hingegen erst gar nicht publiziert oder kreativ umgedeutet.

Am Ende ist es mit der Achtsamkeit wie mit fast allen anderen Dingen im Leben: Wenn man sich so sehr wünscht, dass sie großartig und hilfreich sind, dann haben Gegenargumente keinen Platz oder werden ignoriert. Aber vielleicht sollte auch hier wie in manchen Achtsamkeitsübungen gelten: Informationen nicht bewerten, sondern neutral betrachten und wenigstens kurz darüber nachdenken.

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