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Zukunft der Arbeit:Entscheidungsmacht als gefährliches Lockmittel

Das Komplexe an der digitalen Ära ist, dass die Sache für den Beschäftigten nicht zwangsläufig negativ ausgehen muss. Es kommen zwei Trends zusammen: Die Übertragung schlanker Produktion aus den Fabriken auf die Büros, wobei jeder Schritt ständig hinterfragt und optimiert wird. Und das Konzept der Agilität: Schneller, innovativer und immer auf sich rasch wandelnde Weltmärkte reaktionsbereit zu sein.

Dabei spielt der Einsatz von Teams eine große Rolle. Und wenn diese Teams anders als bei klassischen Firmenhierarchien selbst viel bestimmen können, profitieren Mitarbeiter, analysiert Forscher Kämpf: "Bekommen sie mehr Entscheidungsmacht, macht ihnen die Arbeit mehr Spaß und sie werden innovativer." Das macht sich auch für Firmen bezahlt: "Wenn sie agiler werden, werden sie schneller, die Produkte haben mehr Qualität und weniger Fehler." Allerdings sieht Kämpf, dass Firmen sich eher die Rosinen herauspicken. "Die Firmen nehmen gerne mehr Taktung und Transparenz. Sie zögern, den Teams mehr Entscheidungsmacht über ihre Arbeitslast zu geben." Wenn aber Mitarbeiter die Arbeitslast nicht mitbestimmen, verheißt die neue Bürowelt Negatives: Dauerstress und permanenten Zeitdruck mangels Ruhepausen.

Fließbandarbeit im Büro

Was sich da abzeichnet, lässt sich bereits besichtigen: Bei mittel und gering qualifizierten Jobs in der klassischen Verwaltung, in den Personal-, Finanz- und IT-Abteilungen und im Vertrieb. Hier wird alles standardisiert, beobachten die Forscher. Von mehr Entscheidungsmacht keine Spur. Wenn Beschäftigte ihren Arbeitsplan offenlegen, den Zeitaufwand schätzen und ihren Fortschritt anhand von Kennzahlen abbilden, erleben sie das oft negativ: "Man fällt automatisch am nächsten Tag in so eine Rechtfertigungshaltung, warum man's nicht geschafft hat", sagt einer.

Noch strikter wird es, wenn Tätigkeiten nach dem Vorbild der Fabriken in Einzelteile zerlegt, normiert und Leistung genau gemessen wird: Fließbandarbeit im Büro. Arbeitsinhalte wie eine Bestellung oder Reiseabrechnung werden digitalisiert, der Einzelne durch Ticket-Systeme kontinuierlich mit Aufträgen versorgt. Die Leistungsmessung reicht von der Aufzeichnung der Bewegungen der PC-Maus in Callcentern oder der Bearbeitungszeiten von Tickets im IT-Support bis zur Überprüfung der Herzfrequenz des Mitarbeiters. Die Standardisierung kostet Jobs: "In einem unserer Fallunternehmen wurde die Verschwendung in der Verwaltung auf 30 Prozent beziffert und dies zum Anlass für umfangreiche Rationalisierungen genommen", heißt es in der Studie. Servicecenter würden im internen Sprachgebrauch als Fabriken bezeichnet und oft in Niedriglohnländer verlagert.

Wird der Alltag von Millionen Büromenschen wirklich Fließbandstress? Diese Entwicklung sei ein Auftrag an die Politik, finden die Forscher: "Gebraucht wird eine gesellschaftliche Leitorientierung, die die Menschen und ihre Rolle in der digitalen Transformation zentral stellt."

© SZ vom 16.12.2016/vit
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