Geldanlage:Es gibt wieder Zinsen - juhu?

Geldanlage: Illustration: Jessy Asmus

Illustration: Jessy Asmus

Selten sind die Zinsen in Deutschland in kurzer Zeit so stark gestiegen. Kommen jetzt die vermeintlich guten alten Zeiten für Sparer und Anleger wieder? Teil 1 der SZ-Serie

Von Harald Freiberger

Erinnert sich heute noch jemand an Negativzinsen? Es war ein vorher unbekanntes Phänomen, das die Welt für Sparer, Anleger und Banken in Deutschland acht Jahre lang auf den Kopf stellte, von 2014 bis Mitte 2022. Wer Geld zur Bank brachte, bekam dafür keine Zinsen, wie man es seit Jahrhunderten kannte - er musste in vielen Fällen dafür noch zahlen. Es ist gut möglich, dass in vielleicht 50 Jahren Menschen, die das erlebt haben, von ihren Enkeln ein ungläubiges Kopfschütteln ernten, wenn sie davon erzählen.

Die Phase der Negativzinsen ist in diesem Jahr abrupt zu Ende gegangen. Der Grund dafür ist, dass die Preise außer Kontrolle geraten sind. Die Inflationsrate in Deutschland stieg auf mehr als zehn Prozent, so hoch wie seit 1951 nicht mehr. Die Europäische Zentralbank (EZB) kämpft seit dem Sommer dagegen an, mit Zinserhöhungen, die es in solch krasser Form noch nicht gab. Der Einlagenzins, den Banken an die EZB zahlen, wenn sie kurzfristig Geld bei ihr parken, lag im Juni noch bei minus 0,5 Prozent. Inzwischen sind es 2,0 Prozent, und das dürfte noch nicht das Ende sein.

Es gibt also wieder Zinsen in Deutschland, die Ära der Negativzinsen ist definitiv vorbei. Doch was bedeutet das für Sparer und Anleger? Ist es ein Grund zu jubeln? Kommen jetzt wieder die vermeintlich guten Zeiten, die die Bundesbürger über viele Jahrzehnte kannten? Die Zeiten, in denen man sich um Geldanlage und Altersvorsorge keine großen Sorgen machen musste, weil es auf der Bank zwei, drei, vier Prozent Zinsen auf das Ersparte gab, und die Rente ja sicher war. Die Ära des Negativzinses hat die Deutschen in dieser Hinsicht schwer verunsichert. Wenn selbst das Geld auf der Bank immer weniger wird, worauf soll man sich dann noch verlassen?

Vorbei: Am Donnerstag kündigte die Direktbank ING an, dass sie für Tagesgeld zwei Prozent Zinsen zahlt, zwar nur für vier Monate, aber immerhin. Andere Institute dürften nachziehen, der Kampf der Banken um das Ersparte der Kunden beginnt anscheinend wieder. Die Welt normalisiert sich. In den vergangenen Jahren war es ja so, dass Banken Kunden, die ihnen Geld bringen wollten, die Tür wiesen.

Die SZ beleuchtet in den kommenden Wochen in einer Serie die Frage, was die Zinswende für Anleger konkret bedeutet: Können sie ihr Erspartes künftig wieder ruhigen Gewissens in Festgeld stecken? Wie gefährlich sind Aktien in diesen unsicheren Zeiten von Krieg, Inflation und Konjunkturkrise? Sind Anleihen eine Alternative? Lohnen sich vielleicht sogar wieder Lebensversicherungen? Und wie sollen Häuslebauer und Kreditnehmer damit umgehen, dass die Bauzinsen binnen kurzer Zeit schon extrem gestiegen sind?

Solche Fragen ließen sich einfacher beantworten, wenn es so wäre wie nach Ausbruch der Corona-Pandemie Anfang 2020. Auch damals herrschte extreme Verunsicherung, die Aktienkurse brachen ein. Doch innerhalb weniger Monate erholten sie sich wieder, vor allem weil Notenbanken und Regierungen Billionen in die weltweite Wirtschaft pumpten. Die Welt für Sparer und Anleger blieb dieselbe.

Diesmal ist es anders: Die Bekämpfung der Inflation hat oberste Priorität, weil sie auf Dauer zur Verarmung der Bevölkerung führt mit allen negativen sozialen Folgen. "Die Zinsen sind zurück, und sie werden auch länger bleiben", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka Bank. Er rechnet damit, dass die EZB den Einlagenzins von derzeit 2,0 noch auf 2,75 Prozent erhöht, nach den jüngsten Beschlüssen könnten es auch mehr werden. Im nächsten Jahr geht er in Deutschland von einer durchschnittlichen Inflationsrate von gut 6,5 Prozent aus, für 2024 immer noch von 2,7 Prozent, also deutlich über dem Ziel der EZB von nahe zwei Prozent. "Eine Inflationsrate von null bis ein Prozent wie in den vergangenen Jahren werden wir für lange Zeit nicht mehr sehen", sagt Kater. Und das heißt, dass die EZB auch den Einlagezins für lange Zeit höher halten dürfte.

Auf den ersten Blick ist das eine gute Nachricht für die Bundesbürger, die ihr Geld traditionell am liebsten sicher auf das Girokonto, in Fest- und Tagesgeld oder Sparprodukte legen. Daran änderte sich auch in Zeiten des Negativzinses nichts Wesentliches. Die Einlagen bei Banken wuchsen weiter beständig, in der Corona-Zeit sogar noch stärker, weil die Menschen im Lockdown kein Geld ausgaben. Erst in diesem Jahr ging das Wachstum zurück, weil die Inflation am Ersparten nagte. Derzeit verfügen die Bundesbürger bei Banken über Einlagen von 2,7 Billionen Euro.

Ein schlimmes Jahr war es dagegen für Aktien- und Aktienfondsbesitzer: Sie verloren von Anfang Januar bis Ende September allein 252 Milliarden Euro, ermittelte der Robo Advisor Whitebox. Das ist ein Minus von knapp 20 Prozent. Derzeit haben Privatanleger rund 1,29 Billionen Euro in Aktien und Aktienfonds liegen, also etwa halb so viel wie Bankeinlagen.

Entscheidend für Sparer ist der Zins nach Abzug der Inflationsrate

"Das Dilemma für Anleger ist, dass es zwar wieder Zinsen gibt, gerade wegen der höheren Zinsen aber die Kapitalmärkte eingebrochen sind wie lange nicht", sagt Peter Barkow vom gleichnamigen Beratungs- und Analysehaus. Die Aktienmärkte verloren drei Quartale in Folge, das ist sehr selten, erst zuletzt ging es wieder aufwärts.

Wenn es auf der Bank endlich Zinsen gibt und die Aktienmärkte so wacklig sind - können die Bundesbürger dann beruhigt ihr Geld wieder vermehrt in Tages- und Festgeld anlegen? So einfach ist es nicht, wie der Münchner Honorarberater Nikolaus Braun vorrechnet: "Entscheidend für Sparer ist der Realzins, also der Zins nach Abzug der Inflationsrate", sagt er. Und der sei heute noch negativer als zu Zeiten des Negativzinses. Ein Negativzins von minus einem Prozent bedeutet bei einer Inflationsrate von zwei Prozent einen realen Wertverlust von drei Prozent. Bei einem positiven Zins von zwei Prozent und einer Inflationsrate von zehn Prozent beträgt der Wertverlust dagegen acht Prozent. "Schaut man auf den realen Zins, hat sich der Negativzins sogar vergrößert", sagt Braun. Dies müssten Anleger bei ihren Entscheidungen einkalkulieren. Und das heißt für Braun: Wer langfristig investiert, zum Beispiel um fürs Alter vorzusorgen, für den führt auch künftig an einem breit gestreuten Aktiendepot kein Weg vorbei - trotz Zinswende.

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