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Zahngesundheit:"Oft herrscht da schon eine gewisse Gier vor"

Eberhard Riedel ist Zahnarzt in München und Mitglied im Arbeitskreis Ethik der Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde.

(Foto: privat; Bearbeitung SZ)

Zahnarzt Eberhard Riedel über Kommerzialisierung in den Praxen, intransparente Rechnungen - und Verkaufsseminare für Mediziner.

Interview von Hans von der Hagen

SZ: Herr Riedel, die Privatrechnung ist für gesetzlich Versicherte beim Zahnarzt mittlerweile selbstverständlich geworden. Kommen Zahnärzte heute nicht mehr anders über die Runden?

Eberhard Riedel: Man kann als Zahnarzt gut leben. Dafür braucht man nicht die Gebührenordnung wie eine Zitrone auszupressen. Oft herrscht da schon eine gewisse Gier vor. Umgekehrt gibt es aber auch Praxen, die so moderat abrechnen, dass man sich schon fragen kann, ob die sich wirklich ihre Leistung bezahlen lassen.

Gibt es da so viel Spielraum?

Basis ist die zahnärztliche Gebührenordnung, die zuletzt 2012 novelliert wurde. Es war die erste Änderung seit 24 Jahren. Die neuen Gebührensätze bilden allerdings immer noch nicht die Kostensteigerungen bei der Lebenshaltung ab. Insofern halte ich es für natürlich, dass Zahnärzte, wenn sie eine anspruchsvolle Arbeit geleistet haben, bis zum gesetzlichen Höchstsatz von 3,5 abrechnen. Nur ein Überschreiten dieses Höchstsatzes halte ich zumeist für nicht angemessen.

Warum spielt der Faktorsatz von 2,3 eine so besondere Rolle?

Wird ein höherer Faktorsatz gewählt, muss dies begründet werden. Dann finden sich Worte in der Rechnung, über die Patienten gerne mal stolpern. Meistens werden sie mit den Worten: "Höherer Zeitaufwand" oder "Überdurchschnittlicher Schwierigkeitsgrad" eingeleitet. Da kann man schon manchmal schmunzeln über das, was da steht, aber bis zu einem gewissen Grad sollte der Patient das auch als Freiheit des Zahnarztes hinnehmen.

Das Lächeln könnte aber einem auch vergehen, wenn der Rechnungsbetrag am Ende sehr hoch ist.

Leider ist inzwischen auch ein gesundes Misstrauen der Patienten erforderlich. Umso wichtiger ist es, dass die Begründungen auch so verfasst sind, dass sie den tatsächlichen Behandlungsablauf wiedergeben. Wenn das nicht so ist, müssen Patienten dem Zahnarzt die Rechnung noch mal vorhalten. In einer Autowerkstatt macht man das ja auch.

Viele Patienten trauen sich das nicht.

Aber in der Reaktion des Zahnarztes auf solche Einwendungen trennt sich eben auch Spreu vom Weizen. Ein Zahnarzt, der seine Rechnung richtig gestellt hat, kann auf eine solche Frage auch eine schlüssige und freundliche Antwort geben.

Sie haben testweise ein Verkaufsseminar für Zahnärzte besucht. Was lernen die Teilnehmer dort?

Dass es ganz einfach und legitim ist, den Tresor des Patienten zu öffnen.

Wie geschieht das?

Indem sich etwa der Zahnarzt spätestens am Tag vor der Behandlung ein Versorgungsziel ausdenkt - und zwar ganz unabhängig vom vorhandenen Bedarf. Darum ist dieses Ziel in Wahrheit ein Umsatzziel, das der Arzt dann im Gespräch mit dem Patienten durchsetzen soll. Genauso perfide fand ich auch den Trick, dass sich immer eine Mitarbeiterin im eleganten Kostüm in der Praxis aufhalten solle.

Warum das?

Ihre Aufgabe ist es, die Vorschläge des Doktors noch mal zu erweitern. Wenn etwa der Zahnarzt dem Patienten vier Implantate empfohlen hat, soll diese Dame später an der Rezeption dem Patienten sagen: "Machen Sie doch besser gleich sechs". Die teure Kleidung soll dabei eine Atmosphäre des Hochpreisigen und Mithaltenwollens schaffen.

Wie können Patienten solchen Manipulationsversuchen entgehen?

Vor allem hilft es, sich auf das Bauchgefühl zu verlassen: Ist der Zahnarzt wirklich um mich besorgt, oder verkauft er mir nur etwas? Ein Signal kann da schon die Praxiseinrichtung sein: Ist sie völlig überzogen und dient sie vor allem dazu, eine Praxis auf besondere Weise zu inszenieren? Dann weiß der Patient: Das teure Gemälde an der Wand - das bezahle auch ich mit meiner Rechnung.

© SZ vom 08.12.2017/hgn

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