Wirtschaftskrisen In der nächsten Krise sind die Zentralbanker machtlos

In der vergangenen Finanzkrise verfügten die Industriestaaten über bessere Abwehrkräfte als heute. Die Regierungen gaben beherzt Geld aus, um die Konjunktur zu stützen, und Notenbanken senkten die Zinsen.

(Foto: dpa)

Ein weltweiter Handelskrieg könnte verheerende Folgen haben: Für eine neue globale Krise sind die Industriestaaten derzeit viel schlechter gerüstet als noch bei der Finanzkrise 2008.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Die Finanzkrise 2008 wird als tiefe Wunde in Erinnerung bleiben. Die Allgemeinheit zahlte damals für die Spekulationswut der Banker, was das Vertrauen in den Kapitalismus nachhaltig erschütterte. Die Weltwirtschaft stürzte ab wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Schlimm genug. Der größte anzunehmende Unfall allerdings wurde verhindert - weil die Industriestaaten entschieden gegensteuerten. Damit drängt sich ein beunruhigender Vergleich zu heute auf, da ein Handelskrieg die nächste Globalkrise auszulösen droht: Regierungen und Zentralbankern fehlen diesmal Mittel, um das Schlimmste zu vermeiden.

Konjunkturforscher haben bereits ihre Prognosen gesenkt. Sicher, da bleibt immer noch ein ansehnliches Wachstum in Deutschland und dem Rest der Welt übrig. Aber Donald Trump ist ja nicht am Ende seines Strafzollrauschs angekommen. Verzehnfacht er noch die Barrieren für europäische Autos? Stoppen Amerika, Asien und Europa Exporte noch mit anderen Tricks? Schon klar: Einbußen und Unsicherheiten durch den Handelskrieg müssen keine so dramatische Krise wie 2008 provozieren. Aber sie könnten. Und womöglich verbinden sie sich mit anderen politischen Konflikten und Risiken wie dem wackligen chinesischen Finanzsystem zu einer toxischen Mischung, die der Krise von 2008 gleichkommt.

Viele Industriestaaten drücken weitaus höhere Schulden

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Vor zehn Jahren allerdings verfügten die Industriestaaten über bessere Abwehrkräfte. Die Regierungen gaben beherzt Geld aus, um die Konjunktur zu stützen und die Unternehmen zu bewegen, keine Massenentlassungen vorzunehmen. Zentralbanker senkten mit dem gleichen Ziel die Zinsen. Mit Erfolg. In Deutschland verschwanden, auch dank staatlich bezuschusster Kurzarbeit und Abwrackprämie, viel weniger Jobs als befürchtet.

Heute wäre die Gegenwehr schwieriger. Viele Industriestaaten drücken, auch wegen der Finanz- und Euro-Krise, weitaus höhere Schulden als damals. Es wird ihnen schwerfallen, so viel Geld wie damals in die Konjunktur zu pumpen, um Arbeitsplätze zu retten. Auch die Zentralbanken sind gerade in Europa machtloser als damals. Darauf soll Bundesbankchef Jens Weidmann die Regierung intern hingewiesen haben. Es liegt ja auf der Hand. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat auf Dauerintervention geschaltet, um Südeuropa zu helfen. Ihr Leitzins liegt heute, mehrere Jahre nach der Euro-Krise, immer noch bei null. Falls die globale Handelsrezession kommt, lassen sich die Zinsen also gar nicht mehr senken, um durch billige Kredite Wachstum anzuregen. Fazit: Diesmal dürfte sich eine globale Krise schlimmer auswirken als 2008. Sie droht mehr Arbeitsplätze zu vernichten und mehr Menschen in Verzweiflung zu stürzen.

Was folgt daraus, und wie lässt sich das Schlimmste doch noch verhindern? Zum einen zeigt der Vergleich mit 2008, dass die EZB mit ihrer Dauerintervention falschliegt. Der Leitzins steht heute sogar unter dem Niveau, auf das sie ihn in der Krise damals senkte. Die Zentralbank sollte stückweise zu normalen Zinsen zurückkehren, um bei einer Trump-Rezession handlungsfähig zu sein.

Starke Länder wie Deutschland müssten massiv investieren

Zum anderen können einige europäische Regierungen im Krisenfall auch diesmal viel ausgeben, um die Wirtschaft zu stützen. Aber andere eben nicht. Staaten wie Deutschland haben ihre Schulden auf das vorgeschriebene Niveau von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung gedrückt, während andere Schulden von 100 Prozent und mehr drücken.

Um einen konjunkturellen Absturz der EU als Ganzes zu vermeiden, müsste sich Europa in einer neuen Krise wie der gemeinsame Wirtschaftsraum verhalten, der es längst sein sollte. Die Starken wie Deutschland müssten massiv investieren, statt nur auf die Grenzen ihres Nationalstaats vergangener Zeiten zu blicken. Denn solche Investitionen helfen allen. Mit anderen Worten: Finanzminister Olaf Scholz dürfte sich dann nicht mehr wie ein Sparmeister gerieren, sondern wie ein Globalsteuerer. Nicht Wolfgang Schäuble 2.0, sondern Karl Schiller 4.0.

Klingt unwahrscheinlich? Da die Industriestaaten für eine globale Krise schlechter gerüstet sind als 2008, wäre es drittens natürlich am besten, den großen Handelskrieg noch zu verhindern. Also Donald Trump zu demonstrieren, wie rasch er sich beim protektionistischen Zündeln die Finger verbrennt. Das bedeutet: Bei der Gegenreaktion auf Trumps Strafzölle jene Digitalkonzerne zu treffen, die für die US-Wirtschaft heute wichtiger sind als Stahl und selbst Autos. Die Einsicht, dass eine Weltrezession heute schlimmer wäre als vor zehn Jahren, macht diese Strategie erst recht unverzichtbar.

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