Wirtschaftsgipfel in Saudi-Arabien Joe Kaeser, der kühle Pragmatiker

Kashoggis Verschwinden bezeichnet Kaeser als "sehr ernstes Thema, bei dem man nicht gewinnen könne". Dennoch sei es keine Lösung, jetzt die Konferenz in Riad abzusagen.

(Foto: REUTERS)
  • Mehrere Manager und Politiker haben nach dem ominösen Verschwinden eines regierungskritischen Journalisten die Teilnahme an einer Investorenkonferenz in Saudi-Arabien abgesagt.
  • Siemens-Chef Joe Kaeser schließt einen Besuch dennoch nicht aus. Seine Botschaft: Einfach zu Hause zu bleiben wäre auch falsch.
Von Thomas Fromm

Es lohnt sich, einen Blick in Joe Kaesers Twitter-Account zu werfen. Man erfährt dort nicht nur, wie sich der Siemens-Chef selbst sieht - von Leidenschaft für Innovationen ist dort die Rede, von verantwortungsvollem Kapitalismus und dass er Musik der 1970er-Jahre mag. Man bleibt aber auch weltpolitisch auf dem Laufenden. Am Mittwoch postete der Manager einen Artikel der US-Zeitschrift Fortune. Inhalt: Kaesers Auftritt auf einem Wirtschaftstreffen des Magazins in Toronto.

Nächste Woche zur Investorenkonferenz nach Riad fahren oder nicht, lautet die Frage, und Kaeser sagt: Er habe noch nicht entschieden, müsse dies aber bald mal tun. Das Schicksal des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi sei ein "sehr ernstes Thema, bei dem man nicht gewinnen" könne. Kaeser sagt aber auch: "Wenn wir die Kommunikation mit Ländern meiden, in denen Menschen vermisst werden, kann ich einfach zu Hause bleiben, weil ich mit niemandem mehr reden kann." Es ist ein klassischer Kaeser-Satz, der kühlen Pragmatismus demonstrieren soll. Die Botschaft: Liebe Leute, ich weiß, es ist da womöglich etwas Furchtbares passiert. Aber einfach zu Hause zu bleiben, ist auch falsch.

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Kaeser weiß, dass er nicht wie geplant als strategischer Partner in Riad auftreten kann. Und dass dies nicht der richtige Moment ist, um über Kraftwerke, U-Bahnen oder Röntgenapparate zu reden. Die Situation ist so skurril, dass wohl nicht einmal US-Drehbuchautoren mit Sinn für schräge Geschichten darauf kommen würden: Es steht der schwere Verdacht im Raum, dass ein regierungskritischer Journalist in einem saudischen Konsulat von einem eigens angereisten Killerkommando mit tatkräftiger Mithilfe eines Obduktionsexperten gefoltert und zersägt wurde. Und ein paar Tage später soll nun der Siemens-Medizintechnikchef Bernd Montag bei einer Investorenkonferenz in Riad über die Vorzüge von Computertomografen Made in Germany reden? Wie soll das gehen? Kaeser müsste, sollte er tatsächlich in die Wüste fahren, seine Gastgeber hart angehen - auch das dürfte nicht ganz einfach sein.

Es geht um große Geschäfte, nicht nur für Siemens. Deutschland exportierte im vergangenen Jahr insgesamt Waren und Dienstleistungen im Wert von 7,45 Milliarden Dollar nach Saudi-Arabien. Nach den Vereinigten Arabischen Emiraten ist das Land damit zweitwichtigster Handelspartner im arabischen Raum: Autos, Maschinen, Elektrotechnik, Waffen - es gibt kaum etwas, was die Deutschen nicht in die Wüste bringen. Nichts ist dabei so umstritten wie die Lieferung von Rüstungsgütern. Eigentlich sollten diese wegen des Krieges in Jemen und der Beteiligung des Königreichs komplett gestoppt werden. Doch trotz der humanitären Katastrophe in Jemen hat die Bundesregierung seit dem Frühjahr Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien im Wert von 254 Millionen Euro genehmigt.

Geschäfte hin oder her - die Zahl der Manager und Unternehmen, die ihre Reise zur Investorenkonferenz im Königreich storniert haben, steigt. Der Chef des US-Fahrdienstvermittlers Uber, Dara Khosrowshahi, ist einer von ihnen. Was besonders brisant ist, da Saudi-Arabiens Staatsfonds 3,5 Milliarden Dollar in Uber investiert hat. Der Virgin-Gründer Richard Branson kündigte an, er werde Verhandlungen mit dem saudi-arabischen Staatsfonds über eine Milliarden-Beteiligung an Raumfahrtprojekten auf Eis legen, und auch Airbus-Rüstungsvorstand Dirk Hoke wird dem Vernehmen nach nicht teilnehmen. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing überlegt noch. Medienpartner sagten ihre Mitarbeit ab, prominente Sprecher wie JP Morgan-Chef Jamie Dimon und Larry Fink von der weltgrößten Fondsgesellschaft Blackrock ziehen es vor, nicht aufs Podium zu gehen. Auch IWF-Chefin Christine Lagarde bleibt zu Hause.

Mit ziemlicher Sicherheit aber dürfte ein früherer Siemens-Chef in Riad seinen großen Auftritt haben: Klaus Kleinfeld, Berater des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, soll in den nächsten zwölf Jahren für 500 Milliarden Dollar eine Mega-Stadt in der Wüste bauen. Kleinfeld und Kaeser kennen sich aus früheren Zeiten - sehen sie sich bald in Riad?

Im Netz ist die Stimmung ziemlich eindeutig. "Lieber Joe", twitterte am Mittwoch jemand zurück, mache "uns stolz @Siemens und lehne es ab, zu dieser Konferenz zu fahren. Menschenrechtsverletzungen und Mord sind nicht unsere Werte und werden es nie sein."

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