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Wirtschaft kompakt:China klebt am Label Entwicklungsland

China sieht sich trotz guter Konjunkturdaten als Entwicklungsland, Wal-Mart verliert Kundschaft und der ZEW-Indikator an Niveau - das Wichtigste aus der Wirtschaft in Kürze.

Trotz seines Aufstiegs zur bald zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt sieht sich China weiter als Entwicklungsland. "Wir sollten nicht nur auf die Größe der Wirtschaft schauen, sondern auch auf die Pro-Kopf-Zahlen", sagte der Sprecher des Handelsministeriums, Yao Jian, in Peking. Hier liegt die Volksrepublik tatsächlich weit hinter den Industrieländern und noch hinter Staaten wie Jamaika, Angola oder Albanien.

Dessous-Fabrik in China

Dessous-Fabrik in China: Das Handelsministerium will sich von aktuellen Konjunkturdaten nicht blenden lassen und stapelt lieber tief.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in China lag nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) im vergangenen Jahr bei knapp 3700 Dollar. Japans Pro-Kopf-BIP ist mehr als zehnmal höher. 150 Millionen der 1,3 Milliarden Chinesen lebten der UN-Definition zufolge unter der Armutsgrenze, sagte Ministeriumssprecher Yao.

"Chinas Wirtschaftskraft ist auf dem Niveau eines Entwicklungslandes". Die Qualität des chinesischen Wirtschaftswachstums müsse weiter verbessert werden. Dies gelte für die Lebensqualität der Menschen, für Wissenschaft, Technologie und Umweltschutz. "Wir müssen noch eine riesengroße Lücke aufholen", fügte der Ministeriumssprecher hinzu. Chinas Wirtschaftsleistung war im zweiten Quartal größer als die von Japan.

Das Bruttoinlandsprodukt der Volksrepublik lag im Juni bei 1,34 Billionen Dollar (1,04 Billionen Euro), jenes von Japan bei 1,29 Billionen Dollar. Zwar war das japanische BIP in der ersten Jahreshälfte insgesamt noch größer als jenes von China, im Gesamtjahr dürfte die Volksrepublik Japan aber endgültig überholen.

China hatte in den vergangenen drei Jahrzehnten zuvor nacheinander Großbritannien, Frankreich und Deutschland hinter sich gelassen. In diesen Ländern ist das BIP pro Kopf immer noch weit höher als in China.

In Deutschland etwa lag es 2009 laut IWF-Zahlen bei knapp 41.000 Dollar, mehr als zehnmal höher als in China. Deutschland liegt in dieser Rechnung auch nicht wie bei der absoluten BIP-Größe weltweit auf Platz vier, sondern auf Platz 16, einen Platz hinter Frankreich und einen Platz vor Japan.

Die vorderen Ränge auf dieser Liste belegen Luxemburg, Norwegen, Katar, die Schweiz und Dänemark. Auch die mit Abstand weltgrößte Wirtschaftsmacht USA kommt hier nur auf Platz neun. China belegt auf der IWF-Liste Platz 99, knapp hinter Jordanien und Albanien. China hatte in den vergangenen Jahren den Titel des Exportweltmeisters von Deutschland übernommen und war auch zum weltgrößten Automarkt und zum größten Stahlproduzenten der Welt aufgestiegen.

Die mittelfristigen Konjunkturerwartungen von Finanzanalysten und institutionellen Investoren sind im August erneut deutlich gesunken. Der entsprechende Indikator des Mannheimer Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ging gegenüber dem Vormonat um 7,2 Punkte auf 14,0 Zähler zurück, wie das Institut mitteilte.

Damit rutschten die Prognosen wieder unter den historischen Mittelwert von 27,4 Punkten. Indes fiel die Bewertung der aktuellen Lage wieder merklich besser aus als im Vormonat. Der Index kletterte im August um 29,7 Punkte auf 44,3 Zähler.

Nach Meinung der ZEW-Experten deuten die Zahlen darauf hin, dass der Aufschwung des zweiten Quartals nicht aufrechterhalten werden kann. Wegen der Exportabhängigkeit Deutschlands bestehe das größte Risiko für die Konjunktur in einer schwachen wirtschaftlichen Entwicklung wichtiger Außenhandelspartner, so den anderen Euro-Ländern und den USA.

Angesichts der schwächelnden internationalen Konjunkturentwicklung sei den Finanzmarktexperten die Wachstumseuphorie einzelner Branchen offenbar nicht ganz geheuer, sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz. Entgegen dem deutschen Trend sind die Konjunkturerwartungen für die Euro-Zone im August im Monatsvergleich um 5,1 Punkte auf 15,8 Zähler gestiegen. Die Einschätzung der aktuellen Lage verbesserte sich um 13,5 Punkte auf minus 13,0 Zähler. An der Befragung nahmen 284 Finanzexperten teil.