Fall Wirecard:Staatsanwaltschaft klagt Marsalek-Vertrauten an

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Fall Wirecard: In der Münchner Prinzregentenstraße hatte Jan Marsalek sein privates Büro.

In der Münchner Prinzregentenstraße hatte Jan Marsalek sein privates Büro.

(Foto: Robert Haas)

Ein Geschäftspartner des flüchtigen Ex-Wirecard-Vorstands Jan Marsalek soll mit ihm Geld gewaschen und Investoren betrogen haben. Die Hintergründe sind mehr als skurril.

Von Jan Diesteldorf und Jörg Schmitt

Mitte Dezember war sie fertig, die erste Anklage im Fall Wirecard. Still, leise und ohne öffentliches Aufsehen. Es geht um mutmaßlich von Wirecard geklaute Millionen, Geldwäsche, Betrug. Doch was die Staatsanwaltschaft München I da zusammengetragen hat, betrifft zunächst einmal nicht Ex-Vorstand Markus Braun oder seinen flüchtigen Kollegen Jan Marsalek. Angeklagt ist der frühere Marsalek-Freund und Geschäftspartner namens V., ein Unternehmer aus München, der gemeinsam mit Marsalek die Beteiligungsgesellschaft IMS Capital in der Münchner Prinzregentenstraße leitete - jenem obskuren Ort, der Marsaleks geheimes Zweitbüro beherbergte und in dem Geheimdienstler mehrerer Länder ein und aus gingen. Das Verfahren führt tief hinein in die Verstrickungen von Marsalek und dessen Partnern, die sich nach dem Untergang von Wirecard gegenseitig beschuldigen und bekämpfen.

Die Staatsanwaltschaft München I wirft V. vorsätzliche Geldwäsche, besonders schweren Betrug und eine Verletzung der Buchführungspflicht vor. Das bestätigte eine Sprecherin am Mittwoch auf SZ-Anfrage. V. habe sich "spätestens im Jahr 2019" zusammen mit Marsalek und einem libyschen Geschäftspartner, einem früheren Geheimdienstchef, verabredet, mehr als 22 Millionen Euro aus dem Wirecard-Konzern "zu veruntreuen und die inkriminierte Herkunft des Vermögens aus der Wirecard-Gruppe anhand eines installierten Geldwäschesystems planvoll zu verschleiern". Der Verteidiger von V. wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern und erklärte lediglich, die vom 10. Dezember datierende Anklage zu prüfen.

Den Ermittlern zufolge sei es Aufgabe von V. gewesen, veruntreutes Wirecard-Vermögen mit Hilfe der IMS Capital "über Investitionen in deutsche Start-up-Unternehmen in den legalen Wirtschaftskreislauf zu überführen". Demnach wäre das Ganze eine Struktur gewesen, mit der Marsalek Geld von Wirecard gestohlen hätte, um auf eigene Rechnung als Start-up-Investor Rendite zu machen - was man gemeinhin auch als Geldwäsche bezeichnet. V., der offiziell als Geschäftsführer von IMS fungierte, wäre demnach Marsaleks wichtigster Handlanger in diesem System gewesen. Dabei ist offen, ob nicht auch V. zu den vielen gehörte, die der flüchtige Wirecard-Vorstand an der Nase herumgeführt hat.

Wer da wen tatsächlich an der Nase herumgeführt hat, muss demnächst das Gericht klären. Die Staatsanwaltschaft glaubt nämlich, V. habe das aus der Wirecard-Gruppe veruntreute Vermögen nicht wie vereinbart investiert, sondern einen Teil davon - etwa acht Millionen Euro - für private Zwecke verwendet. Unter anderem soll er mit dem Geld ein Haus in München gekauft und umgebaut und eine eigene Beteiligungsfirma in der Schweiz installiert haben. Dass diese Geschäfte mit Marsalek in gut dokumentierten Chat-Nachrichten offenbar abgesprochen waren, hat die Staatsanwaltschaft nicht von V.s Unschuld überzeugt.

Woher das viele Geld kam, wurde nicht hinterfragt

Sollte die Anklage zum Landgericht München I zugelassen werden, wird es am Ende wohl darauf ankommen, wie tief V. wirklich in die Affäre verstrickt war und wie viel er wusste. Geldgeber von IMS Capital waren offiziell zwei Gesellschaften mit Sitz in Istanbul, kontrolliert von Marsaleks libyschem Geschäftspartner. Eine dritte, ebenfalls von dem früheren libyschen Geheimdienstchef kontrollierte türkische Firma hat in den fraglichen Jahren Beratungsleistungen und den Erwerb von Kundendaten bei Wirecard abgerechnet. Die Rechnungsbeträge und die später bei IMS investierte Summe ähneln sich. Ob es sich um dasselbe Geld handelt, ist aber offenbar nicht sicher. Die Ermittler glauben aber, dass auf diesem Weg Geld aus Wirecard abgezogen wurde.

Fall Wirecard: Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun beschreibt sich selbst als ein Opfer des Betrugsskandals.

Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun beschreibt sich selbst als ein Opfer des Betrugsskandals.

(Foto: Getty Images)

Kurz nach seiner Flucht kam es zwischen Marsalek und seinem Partner V. offenbar recht schnell zum Bruch. Das zeigen Chats der beiden nach Marsaleks Untertauchen im Juni 2020. Der Ex-Wirecard-Vorstand, der sich heute vermutlich in Moskau aufhält, und V. hatten sich mit IMS Capital in der repräsentativen Villa Alfons in der Prinzregentenstraße 61 eingerichtet, ein Haus mit Geschichte und einer Jahresmiete von 680 000 Euro. Idee war es, vielversprechende Start-ups zu entdecken und mit Kapital auszustatten. Zu den Beteiligungen gehörte etwa der Essenslieferdienst Getnow. Es war eine Art Nebenjob als Start-up-Investor, in den Marsalek vor dem Auffliegen des Wirecard-Schwindels viel Zeit investierte.

Woher das viele Geld kam, mit dem Umbau, Miete, Partys und eben die Investments in junge Unternehmen finanziert wurden? Das habe man nicht hinterfragt, hieß es noch im Sommer 2020 im Umfeld der mittlerweile insolventen IMS Capital. Marsalek hatte eben immer viel Geld, und er hatte entsprechende Kontakte rund um den Globus.

In einem möglicherweise bevorstehenden Verfahren könnte man mehr darüber erfahren, wie Marsalek im Hintergrund agierte und auf welchen Wegen er heimlich Gelder herzauberte, die mutmaßlich aus dem Wirecard-Konzern stammten - und warum er nebenher als großspuriger Investor mit Protz-Villa auftrat. Bislang ist allerdings nur V. angeschuldigt. Der mutmaßliche libysche Mittäter wird als Zeuge geführt - und Marsalek ist, bis heute, für die deutsche Justiz nicht zu greifen.

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