bedeckt München 31°

Wirecard:Drogen, Geldwäsche und das FBI

Der Verkauf von Marihuana ist zwar in vielen US-Bundesstaaten erlaubt, nach Bundesrecht aber immer noch illegal.

(Foto: Peter Dejong/AP)

Wegen Online-Deals mit Marihuana gerät Wirecard nun auch in den Fokus der US-Bundesbehörden - und in München wird erstmals wegen Geldwäsche ermittelt.

Von Claus Hulverscheidt, Jan Willmroth und Nils Wischmeyer

Als die Lügen des Wirecard-Konzerns aufflogen, ging auf einmal alles ganz schnell: Binnen weniger Tage musste der Zahlungsdienstleister Insolvenz anmelden, weil seine Manager über Jahre Umsätze gefälscht, Gewinne erfunden, den Aktienkurs manipuliert und womöglich gar Geld für sich selbst abgezweigt haben sollen.

Und selbst mit dieser Vielzahl an Delikten ist das Bild offenbar noch nicht komplett, wie jetzt neue Vorwürfe aus den USA zeigen: Dort soll Wirecard am Betrieb eines Zahlungssystems beteiligt gewesen sein, das Anbietern von Marihuana illegale Geschäfte ermöglichte, Geldströme verschleierte und Banken täuschte. Und noch eine Hiobsbotschaft traf am Donnerstag ein: Die Staatsanwaltschaft München I teilte mit, dass sie jetzt auch wegen Geldwäsche gegen Wirecard ermittelt.

Hinweise auf solche Gesetzesverstöße, wie sie jetzt im Raum stehen, hat der Konzern in der Vergangenheit stets vehement zurückgewiesen. Dabei zieht sich der Verdacht, Wirecard habe Zahlungen für gesetzeswidrige Deals abgewickelt, wie ein roter Faden durch die Firmengeschichte. Das Geschäft des Konzerns hat seinen Ursprung in der Frühphase des Internets, als Online-Zahlungsabwicklung vor allem ein Thema für Porno-Portale und Glücksspielanbieter war, aber auch für betrügerische Einwahlprogramme, sogenannte Dialer.

Im Jahr 2016 etwa kam Wirecard in Bedrängnis, weil ein früherer sowie mehrere vermutlich noch aktuelle Mitarbeiter Gesellschafter einer Firma gewesen sein sollen, die ein ganzes Dorf in England unfreiwillig zur Drehscheibe für Porno- und Glücksspiel machte. Ein Geschäftsmann hatte dort hunderte Briefkastenfirmen eintragen lassen und Bürger als Direktoren eingesetzt - ohne deren Wissen. Die Adressen gab er an ausländische Händler aus dem "Hochrisiko-", also etwa dem Porno-Bereich weiter, die damit bei Kreditkartenfirmen als vertrauenswürdiger galten.

US-Ermittler gelten als wenig zimperlich, wenn es darum geht, Verdächtige festzunehmen

Das erinnert an den neuen Fall in den USA, wo das Justizministerium und die Bundespolizei FBI nach einem Bericht des Wall Street Journals gegen mehrere aktive und ehemalige Wirecard-Manager ermitteln. Die Untersuchung muss vor allem den flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek beunruhigen, denn US-Ermittler gelten als wenig zimperlich, wenn es darum geht, Verdächtige festzunehmen oder aber im Ausland festnehmen zu lassen. Im VW-Diesel-Skandal hatten ganz ähnliche US-Ermittlungen dazu geführt, dass einstige Manager Deutschland faktisch bis heute nicht verlassen können, wollen sie nicht Gefahr laufen, im Ausland verhaftet und in die Vereinigten Staaten ausgeliefert zu werden.

Der Verdacht gegen Wirecard in den USA lautet auf groß angelegten Bankbetrug: Der deutsche Konzern soll Anbietern von Marihuana dabei geholfen haben, ihre Produkte über die Online-Plattform Eaze auch gegen Kredit- oder Girokartenzahlungen anzubieten, um das Geschäft zu vereinfachen und zu erweitern. Ein deutscher sowie ein amerikanischer Geschäftsmann, die federführend an dem Projekt beteiligt gewesen sein sollen, sitzen deshalb bereits seit März in US-Untersuchungshaft.

Kartenzahlungen bei Cannabis-Geschäften sind in den USA eigentlich nicht möglich. Der Verkauf von Marihuana ist zwar in zwei Dritteln der Bundesstaaten in der ein oder anderen Form erlaubt, nach Bundesrecht aber immer noch illegal. Anbieter wie Visa oder Mastercard untersagen es deshalb Cannabisverkäufern, Zahlungen per Karte anzubieten. Wer gegen die Vorschrift verstößt, muss eine Vertragsstrafe entrichten oder wird nicht länger als Geschäftspartner akzeptiert. Die Geschäftsbanken, die die Karten ausgeben, sind angewiesen, die Abwicklung möglicher Cannabis-Geschäfte abzulehnen.

Offenbar wurden auf den Abrechnungen einfach andere Produkte angegeben

Wie aus Akten der New Yorker Staatsanwaltschaft hervorgeht, unterliefen die beiden jetzt inhaftierten Geschäftsmänner und ihre Mittäter - darunter womöglich Wirecard-Mitarbeiter - jedoch sämtliche Verbote, indem sie auf den Kreditkartenabrechnungen die Codes für die Produktkategorie fälschten und an Stelle des Cannabisanbieters jeweils eine Scheinfirma als Verkäufer eintrugen. Statt Marihuana lieferten die Unternehmen nun auf dem Papier ganz andere Waren aus, darunter beispielsweise, so die Bundesanwälte, "Produkte für Hunde, Tauchausrüstungen, kohlensäurehaltige Getränke, grünen Tee und Gesichtscremes".

Abgewickelt wurden die Zahlungen jeweils über Konten der Scheinfirmen bei US-Banken und angeblich auch bei Wirecard. Den Ermittlern zufolge wurden so mehr als 100 Millionen Dollar transferiert, als Gegenleistung für ihre illegalen Dienste hätten die Betreiber des Zahlungssystems "hohe Gebühren" kassiert. Wirecard wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern, auch ein Sprecher des US-Justizministeriums lehnte eine Stellungnahme ab.

Die Anwälte des inhaftierten deutschen Geschäftsmanns argumentieren dagegen, die Beschuldigten hätten nie jemanden betrügen wollen. Auch sei niemandem ein Schaden entstanden - im Gegenteil: Die beteiligten US-Banken hätten an den Kreditkartengeschäften sogar verdient. Im Übrigen seien die Bundesanwälte in Manhattan gar nicht für den Fall zuständig.

Wer auf jeden Fall zuständig ist, ist allerdings die Staatsanwaltschaft München I. Sollten sich Wirecard-Manager an Betrügereien in Übersee beteiligt haben, dürften die Geldwäscheermittlungen der bayerischen Behörden interessant werden.

© SZ vom 10.07.2020
Staatsanwaltschaft bei Wirecard / Journalisten stehen vor Insolventer Konzern Wirecard in Aschheim bei München / Datum:

SZ Plus
Wirecard
:Wo steckt Jan Marsalek?

Der flüchtige Wirecard-Manager hat offenbar eine falsche Spur auf die Philippinen gelegt, wo alles aufflog. Inzwischen wird klar, mit welchen Tricks Marsalek bis zuletzt versucht hat, das 1,9-Milliarden-Euro-Loch zu vertuschen.

Von Ch. Giesen, K. Ott, N. Richter, J. Schmitt, J. Willmroth und N. Wischmeyer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite