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#WerkstattDemokratie:Inspiration aus Tokio, Berlin, Singapur

Verkannte Wohntradition in Japan

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Wohnkonzept der Vergangenheit: Traditionelle Häuser in Japan

(Foto: imago/AFLO)

Es gibt in Japan ein Wohnkonzept, das Platz und Energie spart und Ressourcen wiederverwertet. Es könnte ein Modell für die Zukunft sein. Doch das Land hat dieses Konzept, das sich über Jahrhunderte entwicklet hat, in den Nachkriegsjahren fallen lassen.

Im traditionellen japanischen Wohnhaus haben Räume keine Funktionszuordnung. Es gibt kein Schlaf-, Ess- oder Kinderzimmer. Und auch keine Möbel - außer vielleicht in einem Zimmer einen niedrigen Tisch und in einem anderen eine Kommode. Die Böden sind Tatami-Matten aus Reisstroh, auf denen die Menschen auf Sitzkissen essen, lesen und Hausaufgaben machen. Zum Schlafen holt man die Futons aus den Wandschränken, von denen es im traditionellen Haus viele gibt. So verwandelt sich das Ess- binnen Sekunden in ein Schlafzimmer. Schon deshalb brauchen die Japaner traditionell weniger Platz als wir Europäer. In den kleinen Häusern lebten meist drei Generationen unter einem Dach.

In der Edo-Zeit bis 1868, einer Zeit der strikten Klassengesellschaft, gab es in japanischen Städten Vorschriften, wie groß die Gebäude sein durften, die Angehörige der verschiedenen Klassen errichten. Damit sollte Platz und Heizenergie gespart werden. Zudem mussten alle Häuser nach Süden ausgerichtet sein und über eine Veranda verfügen. Vor allem in den in Großstädten Tokio und Osaka mit ihren sonnigen Wintermonaten half das ebenfalls, Energie zu sparen.

Diese modern anmutende Wohnidee hat Japan in der Nachkriegszeit aufgegeben. Nach und nach werden alle traditionellen Häuser abgerissen. Sie müssen Fertighäusern von Firmen wie Panasonic und Toyota weichen, oder es werden große Wohnblocks gebaut. "Apato" nennen die Japaner winzige, schlecht gebaute Studios von meist 28 Quadratmetern. Heute hausen sehr viele alleinstehende jungen Japaner in einem Apato. Diese Häuser sind kaum isoliert und müssen im Winter deshalb stark beheizt, im Sommer mit viel Strom gekühlt werden.

Christoph Neidhart

Co-Living-Space in Berlin

So könnte ein Gemeinschaftsraum des Pod-Living-Konzepts aussehen.

(Foto: robinhood.berlin)

Wohnen im angesagtesten Teil der Hauptstadt, mit einer modernen Küche und einer luxuriösen Dachterrasse - und das für wenige hundert Euro Miete im Monat und auch noch unbefristet. So soll man demnächst in Berlin unterkommen können. Einziger Haken: Man wohnt sehr eng. Zum Schlafen gibt es nämlich nur eine Art Nische mit einer Ablagefläche, in die das Nötigste hineinpasst. Der Rest sind Gemeinschaftsräume, Waschmöglichkeiten, Stauraum. "Pod-Living" lautet der etwas alberne Name des Modells, einer Mischung aus Studentenwohnheim, WG und japanischem Kapselhotel mit Schlafkojen.

Noch ist das Ganze im Entstehen. Das Start-up Robin Hood ist gerade dabei, eine große Gewerbeimmobilie in Neukölln anzumieten, um diese dann umzubauen. Noch will man keine Details verraten, wieviele Kojen es geben wird und was genau sie kosten sollen. Nur so viel: Das Interesse ist enorm, auf der Warteliste habe sich bereits 2000 Leute eingetragen. Es sind Leute, die eigentlich den Charakter Berlins ausmachen, Künstler, Kreative, Studenten, junge Zugezogene, die es aber immer schwerer haben, in der Stadt eine dauerhafte Bleibe zu finden.

Dennis Prinz, Gründer des Start-ups, könnte selbst einer von ihnen sein. Er hat Schauspiel studiert, hier und dort gelebt, dies und das kuratiert, bis es ihn irgendwann nach Berlin gezogen hat, "die aufregendste Stadt der Welt". Hier hat er in den vergangenen Jahren selbst erfahren, wie Wohnraum immer knapper und teurer wurde. Leute wie er, sagt er, würden sich in einem Zustand der dauerhaften Zwischenmiete einrichten, "vier Wochen in einem Airbnb, dann zwei Wochen bei Freunden auf dem Sofa und wieder drei Wochen im Hostel".

Im Pod-Living soll man über eine App innerhalb von Stunden ein- und auschecken können, man könne aber auch dauerhaft bleiben, sagt Prinz. Er hat einen Co-Working-Space in Neukölln gegründet, ein Gemeinschaftsbüro, in dem man sich Wochen lang oder auch nur stundenweise einmieten kann. Nun überträgt er diese Form des urbanen Nomadentums auf das Wohnen. Er arbeitet mit dem Bezirk zusammen, der aufgeschlossen für das Modell ist.

Verena Mayer

Vertikale Dörfer in Singapur

Das "Pinnacle@Duxton in Singapur

(Foto: AFP)

Im Herzen von Chinatown ragt das "Pinnacle@Duxton" in den Himmel. Fünf Hochhaustürme, die ganz oben durch breite Brücken verbunden sind, sodass ein großer Himmelsgarten entsteht, mit Liegen unter Bäumen und bestem Blick über die gesamte Insel an der Wasserstraße von Malakka. Das Gebäude kann locker mithalten mit all den anderen innovativen Bauten, die Singapurs Skyline prägen. Aber in Häusern wie dem Pinnacle stecken keine privaten Investitionen. Es ist vielmehr ein Vorzeigeprojekt des öffentlichen Wohnungsbaus, der vier von fünf singapurischen Bürgern ein eher kleines, aber stets komfortables Zuhause bietet. "HDBs" heißen die Wohneinheiten im lokalen Jargon, nach der Behörde, die sie plant und verwaltet, dem "Housing Development Board".

Für die Mehrzahl der Singapurer gibt es kein Leben und Wohnen ohne HDB. Sie wachsen in einem der Apartments auf, die sich über den ganzen Stadtstaat verteilen und einen parallelen Wohnungsmarkt zu den sogenannten Condominiums bilden, die dem freien Markt unterliegen und im Wesentlichen von den vielen Ausländern in Singapur genutzt werden. Die HDBs, preislich deutlich günstiger, sind für singapurische Staatsbürger reserviert. Der öffentliche Wohnungsbau spielt seit der Unabhängigkeit Singapurs eine zentrale Rolle im Aufbau des Stadtstaats. Jede singapurische Familie mit einem Monatseinkommen bis maximal 7500 Euro kann den Kauf eines solchen HDB-Apartments beantragen. Sie haben allerdings nur begrenzte Auswahlmöglichkeiten, in welcher Anlage sie sich niederlassen möchten. Früher waren die Wohnungen obendrein nur Verheirateten vorbehalten, inzwischen können auch Singles, die 35 Jahre und älter sind, eine kleine HDB-Einheit erwerben. Die jeweilige Größe hängt von der Zahl der Familienmitglieder ab. Der Staat ermuntert zum Kauf und Besitz von Wohnraum, 90 Prozent der HDB-Nutzer leben in Apartments, die ihnen selbst gehören. Finanziert wird der Erwerb durch ein ausgeklügeltes Darlehenssystem. Für die Allerärmsten in Singapur gibt es Mietwohnungen, die teilweise nur 30 Euro im Monat kosten.

Etwa eine Million HDB-Wohnungen gibt es im Stadtstaat, bei einer Bevölkerung von fünfeinhalb Millionen. So hat Singapur seit den Sechzigerjahren sehr systematisch den Umzug dörflicher Gemeinden, der Kampongs, in Hochhausanlagen betrieben. Manche nennen die HDBs deshalb "vertikale Dörfer". Im Vielvölkerstaat werden die Apartments jeder Anlage nach einem Schlüssel vergeben, sodass keine Ghettos einzelner Ethnien entstehen, sondern sich die größten Gruppen - Chinesen, Inder und Malaien - jeweils verteilen. Wie in allen Bereichen des Lebens bleibt auch beim Wohnen wenig dem Zufall überlassen. Das autoritär regierte Singapur erwirbt sich die Sympathie seiner Bürger vor allem durch ein hohes Maß an streng geregelter Fürsorglichkeit - ein System, in dem es dann aber auch weniger Freiheiten gibt als in vielen westlichen Ländern.

Arne Perras

Werkstatt Demokratie Keine Idee ist zu abwegig

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