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Finanzen:Hilfe, die Börse schrumpft

Turbulenzen am Aktienmarkt

Viele Experten sehen die sich häufenden Börsenabgänge kritisch.

(Foto: Boris Roessler/dpa)
  • Immer mehr Firmen verabschieden sich von der Börse, und nur wenige kommen nach.
  • Aktuell kursieren sogar Abschiedsgerüchte zu Axel Springer, Osram und Rocket Internet.
  • Warum ist das so? Seit wann hat die Börse plötzlich ihren Reiz verloren?

Eigentlich konnte von einem Börsengang keine Rede sein, als Ulrich Schumacher in jenem März 2000 den Kapitalmarkt anzapfte. Schumacher ging nämlich nicht an die Börse, der damalige Chef des Halbleiterherstellers Infineon fuhr vor. Ach was, er raste. Mit einem silberglänzenden Porsche düste er auf den Frankfurter Börsenplatz, nicht einmal den Rennhelm hatte er vergessen. Der Unternehmenslenker schuf damit das Fotomotiv zur wilden Börsenzeit: Alle Unternehmen wollten an die Börse - und das so schnell wie möglich.

Inzwischen gehören diese Bilder einer fernen Zeit an. Verblasst, vergessen. Wer heute in die Statistiken schaut, stellt fest: Nicht nur die Börseneuphorie der Anleger ist längst passé, offenbar auch die der Unternehmen. Standen vor zehn Jahren noch mehr als 700 Firmen in Deutschland auf dem Kurszettel, sind es heute nach Angaben der Weltbank gerade noch 465. "Momentan ist die Börse einfach nicht sexy für Unternehmen", sagt Hans-Werner Grunow von der Unternehmensberatung Capmarcon.

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Anders als viele Anleger vielleicht denken, sind es nicht nur kleine Börsenlichter, die sich vom Parkett verabschieden. Aktuell kursieren Abschiedsgerüchte auch zu namhaften Firmen: Axel Springer, Osram, Rocket Internet. Was treibt diesen Börsenschwund? Ein Grund liegt in ausländischen Unternehmen mit kryptischen Kürzeln wie KKR, EQT oder CVC. Dahinter verbergen sich Private-Equity-Firmen, also private Beteiligungsgesellschaften. Oder frei nach dem früheren SPD-Chef Franz Müntefering: ausländische Investoren, die sich wie "Heuschrecken" über deutsche Firmen hermachen.

Diese überwiegend ausländischen Finanzinvestoren folgen meist einer Lehrbuch-Strategie. Erst eine Firma übernehmen, sie dann vom Kurszettel streichen, den Laden auf Vordermann bringen und ihn am Schluss möglichst teuer wieder verkaufen. Die Börsennotiz ist für diese Investoren allenfalls lästig, denn börsennotierte Konzerne müssen ihre Strategieänderungen oft öffentlich machen - und geben der Konkurrenz damit Einblick in die eigenen Planungen. Und andere Aktionäre, die an der Börse mitsprechen wollen, stören die Beteiligungsgesellschaften nur.

"Früher war der Börsengang ein Ritterschlag für die Unternehmen"

Die Späher der privaten Beteiligungsgesellschaften suchen derzeit überall nach potenziellen Übernahmekandidaten. Allein im vergangenen Jahr haben Beteiligungsgesellschaften weltweit 432 Milliarden Dollar von Anlegern erhalten, so zeigen es Zahlen des Datenanbieters Preqin. In Nullzinszeiten suchen viele Profiinvestoren oft verzweifelt nach Anlagevehikel, die noch Geld bringen. "Es gibt einen regelrechten Anlagenotstand", sagt Christoph Schalast, Professor an der Frankfurt School of Finance and Management. Die privaten Beteiligungsgesellschaften wiederum haben einen guten Ruf als Geldvermehrer. Den Daten von Preqin zufolge liegen aktuell bei ihnen 1,2 Billionen Dollar als sogenanntes trockenes Pulver auf der Seite, dieses Geld ist also noch gar nicht investiert. Die ein oder andere Gesellschaft könnte also noch vom Kurszettel verschwinden.

Außerdem kommen in Deutschland kaum noch neue Unternehmen an die Börse. Obwohl Deutschland einen breiten Mittelstand mit vielen Firmen hat, die in ihrem Segment sogar Weltmarktführer sind. "Früher war der Börsengang ein Ritterschlag für die Unternehmen", sagt Kapitalmarktexperte Schalast. Doch das gilt heute nicht mehr, viele Manager überlegen sich genau, ob sie sich noch auf das Parkett wagen wollen. Denn als börsennotiertes Unternehmen müssen sie vierteljährlich die Bücher öffnen, sofort vor sinkenden Gewinnen warnen und jede Personalrochade öffentlich machen. "Viele Mittelständler wollen lieber frei schalten und walten", sagt Experte Hans-Werner Grunow. Sich reinreden lassen? Kommt für Firmenpatriarchen oft nicht in Frage.

Für private Anleger ist die Schrumpfbörse keineswegs nur eine Kuriosität, sondern eine schlechte Nachricht. "Wir sehen die Börsenabgänge kritisch", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Auch Forscher des Instituts der Deutschen Wirtschaft unterstreichen: Sollte sich dieser etwas andere Abwärtstrend an der Börse fortsetzen, sinkt auch die Zahl der Unternehmen, auf die Anleger ihr Geld verteilen können. Und wichtiger noch: Die Anleger können nicht mehr so einfach am Erfolg deutscher Firmen teilhaben. Denn durch Aktien kann sich jeder an Unternehmen beteiligen und einen Teil vom hiesigen Wohlstandsaufbau abknapsen - nicht nur Gründer, Erstinvestoren oder große Firmenaufkäufer. Auch wenn es vielleicht nicht der Logik vieler Deutscher entspricht: Wenn das nächste Unternehmen der Börse adé sagt, wird die Gesellschaft wieder ein Stück ungleicher.

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