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Weltwirtschaft:Sieben Lehren aus Davos

"Wir sind an einem Punkt, wo die Globalisierung enden könnte": Die internationale Elite ist verunsichert wie lange nicht mehr.

Von Bastian Brinkmann, Caspar Busse und Ulrich Schäfer

Warum er nach Davos fährt? Charles Édouard-Bouée reckt die Nase ein wenig in die Höhe, atmet ein und sagt: "Ich will selbst riechen, was in der Luft liegt." Das sei noch wichtiger, als in kurzer Zeit viele Leute zu treffen. Der Chef der deutschen Unternehmensberatung Roland Berger, geboren in Frankreich, daheim in China, fährt jedes Jahr im Januar in die Schweizer Berge, um beim Treffen der 3000 Mächtigen zu erspüren, was die Weltwirtschaft in den kommenden Monaten bewegen wird. Im Januar 2016, erinnert sich Bouée, seien alle unglaublich optimistisch gewesen, doch dann habe die Welt ein Jahr erlebt mit lauter Schocks: Brexit, Donald Trump, den Umbruch in der Türkei, den Korruptionsskandal in Südkorea.

Und 2017? "Diesmal ist die Stimmung das glatte Gegenteil", sagt der Franzose. Der Pessimismus ist plötzlich groß und die Angst vor einer Krise, ja vor einem Rückschlag bei der Globalisierung, mit Händen zu greifen. Was also sind die Lehren aus dem fünftägigen Treffen?

1. Die Elite ist verunsichert

Drei Jahrzehnte lang schritt die Globalisierung nahezu ungebremst voran, und in Davos versicherte sich die Elite alljährlich, dass alles auf einem guten Weg sei. Klar, nach dem Finanzcrash 2008 gab es eine kurze Phase des Zweifelns. Aber schnell gewannen die Vertreter der Finanzindustrie und die Verfechter einer freien Marktwirtschaft wieder die Oberhand - und sie schoben die Schuld für die Krise zunächst der Politik zu und später den Notenbanken.

Doch nach dem Aufstieg des Populismus in Europa und in den USA beschleicht die Elite erstmals das Gefühl, dass der freie Handel einen gewaltigen Rückschlag erleiden könnte. Ray Dalio, Chef des Finanzinvestors Bridgewater, formulierte es so: "Wir sind an einem Punkt, wo die Globalisierung enden könnte." Der neue US-Präsident jedenfalls hat schon klargemacht, wie wenig er vom freien Welthandel hält.

2. China führt, Indien folgt, Europa schweigt

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel fehlte genauso wie der französische Präsident François Hollande oder der italienische Ministerpräsident Paolo Gentiloni. Auch sonst war von Europas wichtigsten Politikern in Davos nicht viel zu hören; der Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, mied das Treffen ebenso wie EU-Ratspräsident Donald Tusk. Die Europäer verpassten damit die große Chance, unmittelbar vor der Amtseinführung von Trump dessen Populismus etwas entgegenzusetzen und ihren Plan für eine sozial abgefederte Globalisierung vorzulegen. Viele hätten sich ein klares Signal aus Europa gewünscht.

Diesen Part übernahm stattdessen Xi Jinping, der kommunistische Staatspräsident von China. "Aus einem Handelskrieg wird keiner als Gewinner hervorgehen", beschwor er in Davos. Die Volksrepublik will in eine Lücke stoßen, die Trump möglicherweise aufmacht. Und sie will mehr Einfluss in der Weltwirtschaft - ökonomisch und politisch. Gerade hat China bekannt gegeben, dass die Volkswirtschaft 2016 um 6,7 Prozent gewachsen ist. Es ist zwar der kleinste Zuwachs seit 26 Jahren, im letzten Quartal 2016 hat sich das Plus zum ersten Mal seit zwei Jahren aber wieder leicht beschleunigt. Dahinter bringt sich als zweiter großer Schwellenstaat Indien in Position. Kein Land gehe derzeit in der Digitalisierung schneller voran, waren sich die Experten einig; auch weil das Bargeld im November 2016 zum großen Teil abgeschafft und durch digitales Zahlen per Smartphone ersetzt wurde.

3. An Trump ist nicht alles schlecht

Gerade in den Unternehmen ist die Unsicherheit darüber groß, was der neue US-Präsident jetzt vorhat. Wen knöpft sich Trump in seinem nächsten Tweet vor? Wie soll man dann reagieren? In dieser Woche hatte es BMW erwischt, Trump drohte mit Strafzöllen, wenn Autos in Mexiko produziert werden. Dabei haben die Münchner ihren größten Produktionsstandort in den USA; Fakten aber zählen nicht.

Hinter den Kulissen versuchen sich viele Firmenlenker derweil mit der neuen Regierung zu arrangieren. Sie verweisen darauf, dass an Trump nicht alles schlecht sei. So denke der neue Präsident nicht nur wie ein Unternehmer. Er habe auch angekündigt, massiv in die amerikanische Infrastruktur zu investieren, und das sei notwendig. So wie die angekündigte Steuerreform überfällig sei. Man erhofft sich deutliche Impulse für die amerikanische und die internationale Konjunktur. Und manche träumen auch schon von milliardenschweren Aufträgen aus den USA.

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Illustration: Shutterstock/SZ-grafik

4. Künstliche Intelligenz kommt - aber nicht so schnell

Man hörte in Davos nicht wenige Menschen, die hochintelligenten und lernenden Maschinen alles zutrauen; sie könnten, so eine These, in einigen Jahrzehnten sogar selbständig eine eigene Zivilisation im Weltraum errichten. Künstliche Intelligenz war das Thema beim 47. Weltwirtschaftsforum. Auf fast jedem Podium wurde darüber gesprochen, egal, ob es um die Ungleichheit in der Welt ging, den Populismus oder die Digitalisierung. Und kein Zweifel: Künstliche Intelligenz wird neue Jobs schaffen, aber auch sehr viele Arbeitsplätze zerstören. Aber wie schnell?

Vishal Sikka vom indischen Infosys-Konzern und Mary Cummings von der amerikanischen Duke-University warnten davor, die Fähigkeiten der Maschinen zu überschätzen. Beide leiten den Beirat des Weltwirtschaftsforums zur künstlichen Intelligenz. Die Botschaft: Wir befinden uns am Anfang, vieles ist noch Zukunftsmusik - wir müssen daher die Zeit nutzen, die Menschen für die neue Ära auszubilden. Nach einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey wird jede zweite Tätigkeit vom Umbruch betroffen sein, viele Beschäftigte müssen ganz neu lernen.

5. Die Entdeckung der Mittelschicht

Wenn Politikwissenschaftler die globale Elite untersuchen wollen, benutzen manche den Terminus Davos Man. Er steht für den reichen, meist weißen Mann, der große Firmen führt oder in der Politik wichtige Entscheidungen trifft. Dieses Jahr war allerdings viel von einer anderen Schicht die Rede: von der Mittelklasse, die unzufrieden sei. Es geht um Menschen, die ihren Kindern nicht mehr versprechen können, dass sie es mal besser haben werden als sie selbst. Nachdem 2016 die Bürger Großbritannien aus der EU und Trump ins Weiße Haus gewählt haben, ist es plötzlich ein weitgehender Konsens in der Elite, dass die Globalisierung viele abgehängt hat - und dass es nötig ist, sie wieder einzubinden. "Nicht alle, die für Populisten stimmen, sind böse Leute", sagte Italiens Finanzminister Pier Carlo Padoan. Es seien vielmehr oft gute Bürger mit verständlichen Wünschen. 2017 wählen die Menschen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland. Gewinnen Protestwähler, könnte das der Wirtschaft und den Menschen schaden, warnte IWF-Chefin Christine Lagarde. Im schlimmsten Fall könnten die Ergebnisse zu einem "Wettbewerb nach unten bei Steuern, Handel und Regulierung führen", sagte sie. "Das hätte verheerende Folgen."

6. Small Business statt Big Business

"Die Leute suchen heute Halt in kleinen und lokalen Strukturen", sagte Doris Leuthard, die Schweizer Bundespräsidentin, zur Eröffnung. Orientierung in einer ungewissen Welt sei nötig. Groß ist nicht mehr beautiful. Auch die Zeit, in denen die Konzerne unangefochten die Märkte beherrschten, ist vorbei. Jedes Geschäftsmodell kann heute durch neue Wettbewerber plötzlich ins Wanken kommen. Die Autoindustrie hat es plötzlich mit Rivalen wie Google, Apple oder Uber zu tun, die großen Banken und Versicherer kommen durch kleine Start-ups unter Druck. "Der Wettbewerb ist immer nur ein Klick entfernt", sagt Ruth Porat, Finanzchefin bei der Google-Mutterfirma Alphabet.

Die großen Unternehmen reagieren: Big Business war einmal. Immer mehr Konzerne arbeiten mit Start-up-Firmen zusammen, spalten sich auf, gründen kleine Einheiten. Vorbild ist Alphabet, unter der Holding werden nun alle Google-Geschäftsbereiche relativ eigenständig geführt. Klein ist wieder in. "Die kleinen Unternehmen sind die Motoren, die neue Arbeitsplätze schaffen", sagt Martin Sorell, Chef des britischen Werbekonzerns WPP.

7. Esst mehr Gemüse!

Früher gab es im Kongresszentrum Essen im Überfluss, auf Buffets, die überquollen; man aß, ohne sich über die Speisen Gedanken zu machen. In diesem Jahr war das erstmals anders: Auf Plakaten warben die Macher des Forums dafür, sich bewusster zu ernähren, weniger Fleisch zu essen, mehr Obst und Gemüse. Serviert wurde dies in Schälchen und kleinen Gläsern, damit niemand zu viel isst. 50 Prozent aller Speisen seien diesmal vegetarisch, war auf Plakaten zu lesen. Abends, bei den Partys in den Hotels, wurden die guten Vorsätze oft wieder vergessen: Viele Firmen fuhren für ihre Gäste wie eh und je auf. Wer sich tagsüber von Gemüsesticks ernährt hatte, konnte nun wieder zuschlagen.

© SZ vom 21.01.2017/hgn
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