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Weltwirtschaft:Billige Lebensmittel schüren Angst vor Preisverfall

Bohnenernte in Niedersachsen

Bohnenernte in Niedersachsen: Weltweit fallen die Preise für Lebensmittel.

(Foto: dpa)
  • Bauern melden Rekordernten für Mais, Sojabohnen und Weizen. Das lässt die Preise für Lebensmittel weltweit fallen.
  • Das hat Folgen für die globale Wirtschaft. Besonders in Europa könnte die Furcht vor Deflation weiter zunehmen. Auch in Deutschland werden die Preise fallen. In den USA könnte die Notenbank Federal Reserve noch länger warten, ehe sie ihren Leitzins erhöht.
  • Für die Armen der Welt hat das Ende der Teuerung zwei Seiten. Kurzfristig helfen die niedrigen Preise den Hungrigen. Sie schaden aber auch den Kleinbauern, die weniger verdienen.

Von Nikolaus Piper, New York

Wer in diesem August durch die Bundesstaaten Colorado, Wyoming und Montana reiste, der konnte Ungewohntes beobachten: grüne Felder und saftige Weiden. Hier, wo die Prärien in die Rocky Mountains übergehen, ist es im Spätsommer normalerweise grau, braun und trocken. Nicht so in diesem Jahr. Während Kalifornien unter einer verheerenden Dürre litt, erlebten die großen Ebenen der USA einen der mildesten und regenreichsten Sommer seit über einem Jahrzehnt. In Cheyenne, der Hauptstadt von Wyoming, fielen bis Mitte September 355 Millimeter Regen; das ist fast so viel wie sonst in einem ganzen Jahr.

Jetzt erntet Amerika die Früchte des angenehmen Sommers: Mais, Sojabohnen und Weizen in Rekordmengen. Analysten schätzen, dass die Farmer bis zum Ende der Saison 14,6 Milliarden Scheffel ("Bushel") Mais eingebracht haben werden, so viel wie noch nie. Im vergangenen Jahr waren es 13,9 Milliarden Scheffel, und auch das war schon eine Rekordernte. Ein Scheffel Mais entspricht ungefähr einem Gewicht von 25 Kilo. Die logische Folge sind rasch sinkende Preise. Im Sommer 2012 kostete ein Scheffel Mais noch 8,43 Dollar, an diesem Donnerstag waren es noch 3,54 Dollar - ein Preissturz um nicht weniger als 59 Prozent in nur zwei Jahren. Sojabohnen sind 29 Prozent billiger als zu Jahresbeginn, der Preis für Weizen ging um 18 Prozent zurück. Die Folgen werden auf der ganzen Welt zu spüren sein; schließlich ist der Mittlere Westen immer noch die Kornkammer der Welt. Was hier geschieht, ist auf allen Märkten relevant.

Es ist eine radikale und unverhoffte Wendung. Bis vor zwei Jahren schien es, als würden die Agrarpreise ohne Ende steigen. Während das Angebot wegen magerer Ernten in den wichtigsten Anbaugebieten der Erde knapper wurde, stieg die Nachfrage nach Getreide rapide. Die neue Mittelschicht in China und anderen Schwellenländern ändert ihre Essgewohnheiten: mehr Hühnchen- und Schweinefleisch, weniger Reis und Maisfladen. Das bedeutete mehr Getreide für Viehfutter und weniger für den direkten Verzehr durch Menschen. Gut ein Drittel der amerikanischen Maisernte wird zudem für die Produktion von Biosprit verwendet. 2007 und 2008 brachen in Argentinien, Kamerun, Haiti und Indien Hungerunruhen aus. 2012 schließlich suchte die schlimmste Dürre seit 100 Jahren den Mittleren Westen heim. Globalisierungsgegner lancierten Kampagnen gegen "Spekulanten", denen sie die Schuld an der Teuerung gaben. Attac Deutschland forderte, "Spekulation" mit Agrarprodukten, also den Handel mit Terminkontrakten für diese Produkte, ganz zu verbieten.

Schweinezyklus am Werk

Heute sieht alles ganz anders aus. Essen wird billiger. Gute Ernten, nicht nur in den USA, sondern überall auf der nördlichen Erdhalbkugel, brachten die Wende. Aber nicht nur das. "Es ist die alte Geschichte: Hohe Preise kurieren hohe Preise", sagt Jack Scoville, Analyst bei der Price Futures Group an der Getreidebörse Chicago. "Weil es sich rentiert, reagieren die Farmer und bauen viel mehr Getreide an. Sie setzen mehr Dünger ein und nutzen größere Flächen." Der Mechanismus ist seit Langem als "Schweinezyklus" bekannt: Hohe Preise führen zu steigender Produktion, und die löst Preissenkungen aus. Ein Beispiel aus dem Bundesstaat North Dakota: Hier, im County Divide direkt an der kanadischen Grenze, bauen die Farmer heute fünfmal so viel Mais an wie noch vor zehn Jahren, obwohl die Vegetationsperiode extrem kurz und Landwirtschaft entsprechend riskant ist.

Für die Armen der Welt sind das gute Nachrichten - und schlechte

Der Preistrend ist auf der ganzen Welt zu spüren, wenn auch nicht überall so ausgeprägt wie in den USA. Der Index der Welternährungsorganisation FAO für die globalen Lebensmittelpreise lag im September um 6,0 Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Der Getreideindex ging um 8,8 Prozent zurück, der Index für Milchprodukte sogar um 24,9 Prozent.

Für die Farmer stellt sich die Frage: Wohin mit dem Segen? Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Washington lagerten am 1. September bei Farmern und Getreidehändlern 1,24 Milliarden Scheffel Mais, 50 Prozent mehr als vor einem Jahr. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Lagerkapazitäten auch noch für die Ernte dieses Jahres reichen", sagt Analyst Scoville. Auch weltweit werden die Lager immer voller. Nach Angaben der FAO werden die Maisvorräte in der Welt bis Ende des Jahres nochmals um 8,3 Prozent steigen, obwohl sie bereits heute so hoch sind wie zuletzt vor 15 Jahren. All dies drückt die Preise weiter.

Die Trendwende bei den Agrarpreisen ist umso bemerkenswerter, als einige Ursachen der Preisexplosion des vergangenen Jahrzehnts unverändert geblieben sind: die Nachfrage aus China und anderen Schwellenländern, die Produktion von Bio-Kraftstoff, der Klimawandel. Dazu kommt noch die Krise in der Ukraine, die die Produktion in einem der wichtigsten Anbaugebiete Europas bremst. Agrarexperten glauben, dass sich der Preisverfall auch bei tierischen Produkten fortsetzen wird, mit einer gewissen Verzögerung - abhängig davon, wie lange es dauert, bis Tiere schlachtreif sind. Bei Hühnchen werden die niedrigeren Preise in einem halben Jahr, bei Schweinen in einem, bei Rindern in zwei Jahren auf den Märkten ankommen.

Niedrige Preise haben weltweit Konsequenzen

Das vorläufige Ende der Teuerung bei Agrarprodukten hat weitreichende Folgen für die Weltwirtschaft. Besonders in Europa könnte die Furcht vor Deflation weiter zunehmen. In Deutschland stiegen die Preise für Lebensmittel zuletzt zwar mit 0,9 Prozent noch etwas stärker als die Verbraucherpreise insgesamt (0,6 Prozent). Aber das wird sich ändern. In den USA könnte die Notenbank Federal Reserve noch länger warten, ehe sie ihren Leitzins erhöht. "Die Fed wird sich unter diesen Umständen sicherer fühlen, wenn sie die Zinsen noch etwas länger bei null lässt", sagt ein New Yorker Banker, der mit den Debatten in der Fed vertraut ist. Kurzfristig werden die niedrigen Preise der drohenden Abkühlung der Weltkonjunktur entgegenwirken.

Für die Armen der Welt hat das Ende der Teuerung zwei Seiten. Kurzfristig helfen die niedrigen Preise den Hungrigen. "Ein derart scharfer Rückgang der internationalen Lebensmittelpreise ist ein willkommenes Ereignis, vor allem nach dem Anstieg in der Vergangenheit", meint Ana Revenga, Expertin für den Kampf gegen Armut bei der Weltbank. Trotzdem sei es wichtig, sich auf künftige Lebensmittelkrisen vorzubereiten. Und die wird es geben, denn die niedrigen Preise nutzen zwar den Armen in den Städten, schaden aber den Kleinbauern, die weniger verdienen.

© SZ vom 17.10.2014/bbr
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