Wasserstoff:Achtung, Wunderwaffe

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Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Erwartungen an grünen Wasserstoff sind immens, ohne ihn wird es Klimaneutralität nicht geben. Was aber, wenn das unerreichbare Vision bleibt? Ein Selbstläufer ist es jedenfalls nicht.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Auf wenigen Feldern herrscht in diesem Wahlkampf so viel Einigkeit wie beim grünen Wasserstoff. Die Union möchte Deutschland zum "Wassertoffland Nr. 1" machen, die SPD zum "Leitmarkt für Wasserstofftechnologien". Die Grünen wollen die "Führungsrolle" beim Wasserstoff ausbauen, und die FDP verlangt "mehr Tempo beim Wasserstoff". Es ist der Stoff, aus dem die gar nicht mehr so ferne Klimaneutralität gemacht sein soll. Nur: Es gibt ihn noch nicht, jedenfalls nicht in rauen Mengen. Es gibt keine Leitungen und kaum Häfen dafür, geschweige denn Anlagen, die ihn in großem Stil verwenden könnten. Es gibt nur Hoffnung. Aber die ist enorm.

Tatsächlich könnte grüner Wasserstoff die Tür zur postfossilen Wirtschaft öffnen. Er kann den Koks in der Stahlindustrie ersetzen, das Kerosin in Flugzeugen, das Schweröl in Schiffen, den Diesel in Lastwagen. Er kann die Grundstoffchemie von ihrem Klima-Fußabdruck befreien und helfen, grüne Energie zu speichern. Und das alles nur, indem der Strom aus Wind- oder Solarparks dazu verwandt wird, Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten. Das Verfahren nennt sich Elektrolyse und ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Wie grüner Wasserstoff aber im 21. Jahrhundert der Welt aus der Klimakrise helfen könnte, ist fast zu schön, um wahr zu sein. Und deshalb heißt es: Obacht - wie immer, wenn eine Wunderwaffe die Lösung sehr vieler Probleme verspricht.

Das beginnt mit dem Zeithorizont und einem sehr alten Problem: das von Henne und Ei. Zur Klimaneutralität in Deutschland bleiben noch etwas mehr als 24 Jahre. Bis 2045 also müssten alle wesentlichen Industrieprozesse, Verkehr und Gebäude ohne fossile Energie auskommen. Das ist kritisch vor allem da, wo in Anlagen viel Kapital gebunden ist. Schon heute dürfte kein neues Werk mehr errichtet werden, das auf fossile Energie angewiesen ist. Dafür aber müssen Investoren sich darauf verlassen können, dass Anlagen mit Wasserstoff wettbewerbsfähig zu betreiben sind. Und dass es davon überhaupt genug gibt.

Dazu aber braucht es Projekte, um diesen Wasserstoff auch herzustellen - und für diese Projekte die Garantie, dass er auch abgenommen wird. Denn ohne Nachfrage wird sich das Angebot kaum einstellen, ohne Angebot aber auch nicht die Nachfrage. Alle, die in ihren Wahlprogrammen nun das Hohelied des Wasserstoffs anstimmen, werden nach der Wahl diese Sicherheit schaffen müssen, sowohl für die weltweite Produktion von Wasserstoff als auch für diejenigen, die in solche Anlagen investieren. Gute Ideen, wie der Staat sich an den Mehrkosten des Klimaschutzes beteiligen kann, gibt es schon.

Die nächste Frage ist: Wofür grünen Wasserstoff und wofür nicht? Die Begehrlichkeiten sind groß, sie reichen von synthetischen Kraftstoffen, um Verbrennungsmotoren klimaneutral betreiben zu können, bis hin zu wachsenden Wasserstoff-Anteilen im Gasnetz. Doch in beiden Fällen schafft die ferne Vision Wasserstoff Unsicherheit für klimafreundliche Alternativen: die Kombination aus Solarenergie und elektrischer Wärmepumpe etwa, oder das Elektroauto. Das könnte effektiven Klimaschutz sogar verlangsamen - weshalb klar sein muss: Wasserstoff sollte nur da zum Einsatz kommen, wo es keine Alternativen gibt. Dafür ist er zu kostbar.

Bleibt die Frage nach der Herkunft. Europa wird die immensen Mengen an grünem Wasserstoff nicht allein herstellen können. Deshalb sind die vielen internationalen Kooperationen wichtig, die Deutsche und Europäer gerade eingehen. Es kann aber auch sinnvoll sein, zumindest für den Übergang auch "blauen" Wasserstoff zu nutzen. Er stammt aus Erdgas, das CO₂ wird hier abgeschieden und gespeichert. Das entspricht zwar nicht der reinen Lehre, bietet aber auch fossilen Imperien wie Russland, Saudi-Arabien oder Katar eine Chance, früh an dem Milliardenmarkt teilzuhaben. Schließlich sollen sie auf andere, fossile Milliarden verzichten.

Das alles ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten, und die Gefahr des Scheiterns ist groß. Am Wasserstoff wird sich damit nach der Wahl auch weisen, wie ernst es den Parteien mit der Klimaneutralität ist. Misslingt dieses Projekt, und bleiben die Versprechen leer, dann scheitert auch die Klimaneutralität bis 2045.

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