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Abgasaffäre:VW fordert Milliardenbetrag von Ex-Chef Winterkorn

Die Forderungen von Volkswagen gegen den einstigen Chef Winterkorn und dessen Ex-Kollegen sind erst einmal für jene Versicherer gedacht, mit denen Volkswagen eine Manager-Haftpflichtversicherung abgeschlossen hat.

(Foto: Jens Meyer/AP)

Es ist das bislang höchste Schadenersatzbegehren gegen einen Konzernvorstand in Deutschland. Zahlen soll vor allem die Manager-Haftpflichtversicherung.

Von Klaus Ott

Die Abrechnung von Volkswagen mit Martin Winterkorn ist kurz, bündig und teuer. Sehr, sehr teuer sogar für den früheren Vorstandschef. In einem nicht allzu langen Schreiben begründet VW, warum Winterkorn in der Abgasaffäre zu Schadenersatz verpflichtet sei. Und in welcher Höhe. Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR verlangt der in Wolfsburg ansässige Autohersteller mehr als eine Milliarde Euro vom einstigen Chef. Der hatte wegen der Affäre um manipulierte Diesel-Fahrzeuge mit weit überhöhtem Schadstoffausstoß im September 2015 zurücktreten müssen. Jetzt, fünfeinhalb Jahre später, folgt die Quittung vom einstigen Arbeitgeber. Solch eine Rechnung hat noch kein (Ex-)Konzernchef in Deutschland bekommen. Die Abgasaffäre hat VW bislang mehr als 30 Milliarden Euro gekostet.

Der Aufsichtsrat von Volkswagen verlangt auch von vier weiteren früheren Managern Schadenersatz. Darunter Rupert Stadler, langjähriger Chef der Ingolstädter VW-Tochter Audi. Bei ihm soll die Quittung allerdings deutlich kleiner ausfallen als bei Winterkorn. Die Anwälte von Winterkorn und Stadler wollten sich dazu nicht äußern. Auch VW erklärt: "Kein Kommentar." Der VW-Aufsichtsrat weiß natürlich ganz genau, dass Winterkorn kein Milliardär ist, sondern nur Millionär. Und dass er das alles gar nicht zahlen könnte. Die Forderungen gegen den einstigen Chef und dessen Ex-Kollegen sind erst einmal für ganz andere Adressaten gedacht. Für jene Versicherer, mit denen Volkswagen eine Manager-Haftpflichtversicherung abgeschlossen hat. Die Police soll sich auf 500 Millionen Euro und vielleicht noch mehr belaufen und greift im Falle fahrlässiger Pflichtverletzungen. Genau das wirft VW Winterkorn, Stadler & Co. vor. Diese Police macht VW nun geltend.

Es geht um den Vorwurf, VW-Kunden seien schmutzige Autos als umweltfreundlich verkauft worden

Hat Volkswagen bei den Versicherern Erfolg, dann kämen anschließend auch noch Winterkorn, Stadler und deren ehemalige Managerkollegen dran - mit ihren Privatvermögen. Die Ex-Kollegen sind: Ulrich Hackenberg, langjähriger Obertechniker im Konzern und damals Vorstand bei Audi; Wolfgang Hatz, zuletzt Vorstand bei der VW-Tochter Porsche; und Stefan Knirsch, Ex-Vorstand von Audi. Sie alle haben bereits Ärger mit der Justiz, und sie alle weisen sämtliche Vorwürfe zurück. Stadler und Hatz stehen wegen des Betrugsverdachts bei Audi in München vor Gericht. Eine weitere Betrugsanklage gegen Hackenberg und Knirsch liegt in München bereits bei Gericht. In Braunschweig wiederum ist Winterkorn zusammen mit weiteren VW-Leuten ebenfalls wegen Betrugsverdacht angeklagt. Es geht überall um den Vorwurf, Volkswagen-Kunden seien schmutzige Autos als sauber und umweltfreundlich verkauft worden. Der Prozess gegen Winterkorn soll Mitte September beginnen.

Jetzt haben Winterkorn, Stadler, Hackenberg, Hatz und Knirsch also auch noch Ärger mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber. Sie müssen allerdings nicht befürchten zu verarmen. Frühere Fälle bei Siemens, der Deutschen Bank und anderen Konzernen zeigen: Einstige Vorstandschefs und Vorstandsmitglieder, die mit horrenden Schadenersatzforderungen konfrontiert werden, bleiben am Ende trotzdem Millionäre. Sie können in der Regel sogar den größeren Teil ihres Vermögens behalten. Beispiel Rolf Breuer, ehedem Chef der Deutschen Bank. Ein für den Medienmagnaten und Kreditkunden Leo Kirch wenig schmeichelhaftes TV-Interview von Breuer kostete die Deutsche Bank fast eine Milliarde Euro. Breuer selbst zahlte davon nur 3,2 Millionen Euro. Das war schätzungsweise nicht einmal ein Drittel seines Privatvermögens. Käme Winterkorn am Ende auch so gut davon, dann könnte ihm noch ein Vermögen in zweistelliger Millionenhöhe bleiben. Als VW-Chef hat er in seinen besten Zeiten dank hoher Boni mehr als 15 Millionen Euro im Jahr kassiert.

Volkswagen wirft Winterkorn vor, in den letzten siebeneinhalb Wochen seiner mehr als achteinhalbjährigen Amtszeit als Vorstandschef gegen Dienstpflichten verstoßen zu haben. Wenn auch nur fahrlässig. Am 27. Juli 2015 soll der damalige Chef bei einem Treffen mit Ingenieuren in Wolfsburg Hinweise auf manipulierte Diesel-Autos in den USA bekommen haben. VW behauptet, Winterkorn habe es unterlassen, die Hintergründe "unverzüglich und umfassend aufzuklären". Und er habe es versäumt, dass die Fragen der US-Behörden "umgehend wahrheitsgemäß und vollständig beantwortet werden". Das soll, so der Vorwurf von Volkswagen, zu noch höheren Strafen und Schadenersatzzahlungen in den USA geführt haben. Der deutsche Autokonzern musste seinen Kunden in Übersee und den Behörden dort mehr als 20 Milliarden Dollar zahlen. US-Behörden hatten die Manipulationen am 18. September 2015 enthüllt.

Die Rechnung von Volkswagen geht so: Hätte Winterkorn gleich nach dem 27. Juli 2015 gehandelt, dann hätte sich der Konzern Kosten von mehr als einer Milliarde Euro erspart. Auch deshalb, weil die US-Behörden weniger erbost über die Täuschung durch VW gewesen wären, als sie es dann Wochen später gewesen waren. Nachdem Konzernvertreter unter dem Druck von US-Ermittlern scheibchenweise mit der Wahrheit herausgerückt waren. Es soll kein glatter Betrag sein, den Volkswagen von Winterkorn fordert. Sondern eine krumme, genau berechnete Summe, um wie viel die Abgasaffäre in den wenigen Wochen zwischen Ende Juli und Mitte September 2015 damals teurer geworden sei für den Konzern.

Winterkorn sagt seit Jahren, er habe von den Manipulationen nichts gewusst. Er verstehe nicht, warum er von seinen eigenen Leuten "nicht frühzeitig und eindeutig" aufgeklärt worden sei. So hatte sich Winterkorn in einem Untersuchungsausschuss des Bundestags zur Abgasaffäre geäußert. Ob diese Version haltbar ist, muss sich erst noch zeigen. Mehrere damalige VW-Kollegen belasten den Ex-Vorstandschef. Die Kollegen, ein Jurist und mehrere Techniker, haben ausgesagt, sie hätten Winterkorn Ende Juli 2015 über die Manipulationen informiert.

Dass Winterkorn und Volkswagen nun schmutzige Wäsche vor Gericht waschen, ist nicht zu erwarten. In der Regel einigt man sich in solchen Fällen gütlich. Eine große Unbekannte gibt es freilich bei all diesen Quittungen und Rechnungen: die Strafjustiz. Sollten Winterkorn, Stadler, Hackenberg, Hatz und Knirsch am Ende wegen Betrugs verurteilt werden, dann bekommt Volkswagen von den Haftpflichtversicherern gar nichts. Bei Vorsatz gilt die Police nicht.

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