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Volkswagen:Viel mehr Fehler darf sich der VW-Chef nicht erlauben

Die Macht von Herbert Diess wird gestutzt. Mit seiner Art bringt er nicht nur die 650 000 VW-Mitarbeiter immer wieder ins Stolpern - sondern auch sich selbst.

Kommentar von Max Hägler

Die Art und Weise, wie Herbert Diess vor zwei Jahren in Wolfsburg an die ganze Macht kam, war bemerkenswert. Er antichambrierte bei den mächtigen Eigentümern, den Familien Porsche und Piëch, und vor allem beim Betriebsratschef Bernd Osterloh. In einer Art Parallelwelt abseits der Fabriken und normalen Vorstandsbüros, wie sie in großen Institutionen existiert. Ganz im Stillen, unbemerkt von den Beobachtern und wohl auch von seinem damaligen Chef Matthias Müller, präsentierte er in Salzburg und in Niedersachsen seine guten Ideen, wie der so große, aber so schwerfällige Volkswagen-Konzern den Dieselskandal hinter sich lassen könne und sich der schwierigen Zukunft stellen solle.

Ein Mensch, der getrieben ist von Verbesserung, trat da auf. Und sein durchaus richtiger Plan - mit viel Elektromobilität und viel Softwarekompetenz - verfing. Ich weiß es besser, ich kann es besser, ich habe mehr Energie: Das war die Botschaft, geschickt adressiert. Auch wenn Kampfbegriffe oft ungeeignet sind in der Wirtschaft: Das war schon ein formidabler Putsch. Vom Chef der "Kernmarke" VW stieg er so auf zum Chef des Volkswagen-Konzerns, in dem VW eine von zwölf Marken ist.

Jetzt ist seine Macht wieder gestutzt worden. Ausgerechnet die Leitung der Marke VW ist ihm entzogen worden, jener Bereich, der für die Menschen draußen so sichtbar ist und über den er nach Wolfsburg kam: Golf, Passat, Touareg, all die Autos draußen mit dem VW-Emblem sind das deutlichste Machtsymbol des Konzerns im Land. Das verantwortet Diess nun nicht mehr direkt. Das liegt vor allem an ihm selbst, an dem mitunter übergroßen "Ich", auch wenn das "System" Volkswagen ebenso eine Rolle spielt.

Volkswagen ist ein ganz besonderer Konzern, mit großen Untiefen. Dort konnte jahrelang der Dieselskandal gedeihen. Es ist ein Konzern mit enormen Stärken: Volkswagen ist der größte Fahrzeughersteller der Welt, zumal einer mit einer starken Orientierung auf möglichst viele gute Jobs. Dieser Riesenladen ist hochpolitisch, weil das Land Niedersachsen beteiligt ist und die Mitarbeiter mehr Macht haben als anderswo. Aber Diess ist gar nicht politisch.

Das zeigte sich an etlichem. Seine Unwissenheit bezüglich der schwierigen Menschenrechtslage in China, wo VW so viel Geschäfte macht. Der Satz "Ebit macht frei", mit dem er Manager schnoddrig zu höheren Gewinnen trieb, offenbar ohne zu merken, dass dies an die perfiden Sätze über den Toren von Konzentrationslagern erinnerte. Das mangelnde politische Gespür zeigte sich in den vergangenen Wochen als er im Fernsehen allzu forsch forderte, der Staat möge den Autoverkauf unterstützen. Um zugleich das Auszahlen von Dividenden an die VW-Eigentümer als selbstverständlich abzutun. Vor wenigen Tagen ließ er einen Skandal um ein rassistisches Werbevideo allzu lange auf unteren Ebenen laufen, ohne wirklich selbst schnell zu reagieren, ohne zu sagen, was es war: ein Fehler bei Volkswagen. Und er ist Chef des Ganzen.

In diesem Umfeld wuchs der Ärger auf ihn. Vor allem die Arbeitnehmer schrieben ihm so noch deutlicher die Probleme bei Produkten zu, die es ohnehin gibt: Die Software vor allem hakt in den neuen Modellen. Diess weiß, dass dies technisch die größte Herausforderung ist. Er treibt da in die richtige Richtung, seine Energie ist eigentlich hilfreich und nötig. Aber mit seiner Art bringt er die 650 000 Mitarbeiter in diesem so gravierenden Wechsel vom Blechbiegen zum Programmieren auch selbst oft ins Stolpern. Und sich selbst auch.

Eigentümer und Aufsichtsräte trauen ihm die Lösung nicht mehr uneingeschränkt zu. Das ist nachvollziehbar

Fehler - egal ob politische, kommunikative oder technische - will er dabei kaum mehr eingestehen, scheint sich vor allem persönlich angegriffen zu sehen, scheint sich in eine eigene Parallelwelt zu verstricken, das Gespür zu verlieren, das er noch nie so recht hatte.

Die Eigentümer und Aufsichtsräte trauen ihm deshalb nachvollziehbar die Lösung nicht mehr uneingeschränkt zu. Vor allem aber trauen sie ihm nun nicht mehr recht, weil er in der vergangenen Woche in seiner Selbstbezogenheit dieses Gremium auch noch der Indiskretion bezichtigt hat: Es seien "Straftaten", wenn da Probleme nach außen getragen würden, die der Sache schaden und ihm. Harter Tobak und die Eskalation eines sowieso stets schwierigen Verhältnisses zwischen Diess, der eigentlich nur auf sich hört, und den anderen, die bei Volkswagen auch mitreden: der Betriebsrat um Bernd Osterloh, das Land Niedersachsen um Ministerpräsident Stefan Weil, die Familien Porsche und Piëch.

Die Arbeitnehmer, die ihn in mit ins Amt hievten, sind deshalb in den vergangenen Wochen abgerückt. Die Kapitalseite steht noch zu ihm. Aber recht viel mehr Fehler darf er sich nicht erlauben. Ob das gelingt, ist eine Frage der Software. Aber es ist vor allem eine Frage seines eigenen Auftretens.

© SZ
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