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Von Schließung bedrohte Filialen:Aufsichtsratssitzung von Karstadt wird offenbar verschoben

Übersicht über die möglicherweise betroffenen Filialen. Klicken Sie das Bild an, um es zu vergrößern. SZ-Grafik: Hanna Eiden; Quelle: Immobilien Zeitung

Ob Bayreuth oder Siegen - vielen Karstadt-Filialen könnte die Schließung drohen. Nach dem Einstieg des Investors René Benko warten alle auf die Aufsichtsratssitzung. Die muss nach SZ-Informationen verschoben werden, denn das Kartellamt prüft den Fall.

Es ist die Frage, über die sich die Karstadt-Mitarbeiter und die Bürgermeister von Städten mit Karstadt-Filialen in diesen Tagen die meisten Gedanken machen: Welche Häuser werden geschlossen, nachdem René Benko mit seiner Signa Holding die Läden am vergangenen Freitag übernommen hat? Harte Sanierungen stehen an, etwa 20 Standorte könnten dem Rotstift mittelfristig zum Opfer fallen, heißt es aus verschiedenen Quellen im Umfeld von Signa.

20 Filialen - diese Zahl hatte vor einigen Wochen auch Aufsichtsratschef Stephan Fanderl angedeutet. 20 Standorte - so viele sind seinen Angaben zufolge nicht profitabel. Wird also jede vierte der 83 Filialen dichtmachen? Und wenn ja, welche?

Der Aufsichtsratschef genießt bei den neuen Eigentümern hohes Ansehen. Denn Fanderl ist ein echter Handelsfachmann. Er war Rewe-Vorstand, arbeitete bei Metro und beim US-Handelskonzern Wal-Mart. Der Aufsichtsrat will bald das erste Mal nach dem Verkauf unter seiner Führung tagen.

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Allerdings ist unwahrscheinlich, dass das Gremium wie geplant noch diese Woche zusammentritt und Entscheidungen trifft. Die für Donnerstag angesetzte Aufsichtsratssitzung des Konzerns muss offenbar verschoben werden. Mehrere Aufsichtsratsmitglieder und Führungskräfte von Karstadt sagten der Süddeutschen Zeitung, eine Sitzung des Gremiums am geplanten Tag sei sehr unwahrscheinlich, weil das Bundeskartellamt bis dahin noch kein grünes Licht für den Eigentümerwechsel gegeben haben werde. Ohne Zustimmung der Behörde gilt die Übernahme des Warenhaus-Konzerns durch Benkos Signa Holding als nicht vollzogen, und solange sitzen auch noch die Vertreter von Nicolas Berggruen, dem bisherigen Eigentümer, mit im Aufsichtsrat.

Die Kartellbehörde erklärte der SZ am Montag, dass sich die Prüfung noch am Anfang befinde. Der Antrag sei erst am Freitag in Bonn eingegangen und benötige mindestens eine Woche zur Bearbeitung, wenn nicht sogar länger. Die Sitzung des Karstadt-Kontrollgremiums wird mit Spannung erwartet, weil dabei Chefaufseher Fanderl und Benkos Manager die ersten Pläne zur Zukunft der angeschlagenen Warenhaus-Kette vorstellen dürften.

Klar ist dennoch jetzt schon: Von der Schließung bedroht sind jene Standorte, die sehr klein sind oder eine schlechte Flächenproduktivität haben, wie es im Jargon der Branche heißt. Standorte also, an denen wenig verkauft wird, gerechnet auf den Quadratmeter - und bei denen am Ende kein Gewinn übrig bleibt.

Benko wird sich das Umfeld ansehen: Welche Kaufkraft haben wie viele Menschen im Einzugsgebiet? Welche Konkurrenz gibt es am Ort? Die Immobilien-Zeitung kommt nach einer Analyse verschiedener existierender Marktstudien auf elf "akut gefährdete" Karstadt-Standorte, etwa Bayreuth, Mönchengladbach, Siegen und zwei Hamburger Häuser. Andererseits: Nur weil ein Standort nicht optimal läuft, heißt es nicht, dass dies so bleiben muss. Die Immobilie könnte aufgehübscht werden. Benko dürfte viele Häuser in Einkaufszentren umwandeln wollen, bei denen sich Markenartikler einmieten.

Neben diesen Überlegungen hat auch die Diskussion über die Deutsche Warenhaus AG wieder Auftrieb bekommen. In Branchenkreisen heißt es, über einen solchen Zusammenschluss von Karstadt und die Metro-Tochter Kaufhof müsse nun neu nachgedacht werden. Dass auf Dauer zwei große Kaufhauskonzerne nebeneinander existieren könnten, glaubt kaum jemand. Jörg Funder, Handelsprofessor an der Fachhochschule Worms, schätzt, dass in Deutschland nicht mehr als 50 bis 70 Warenhausfilialen überleben können. Allein Karstadt kommt derzeit auf 122 Standorte, Kaufhof auf 137. Bei einem Zusammenschluss könnten die jeweils besten Filialen am selben Standort weitergeführt werden.

An erster Stelle steht die Sanierung

Ein Zusammenschluss würde dem Kaufhof-Eigentümer Metro und der dahinter stehenden Haniel-Familie dringend benötigte Liquidität verschaffen. Benko hatte schon 2011 bei Haniel und Metro angeklopft, um den Kaufhof zu übernehmen. Doch Metro-Chef Olaf Koch ist von einem Zusammenschluss bislang nicht begeistert. Karstadt müsse zunächst die Sanierungsaufgaben erledigen, heißt es. Zwar soll es in jüngster Zeit informelle Kontakte zwischen Benko sowie Metro- und Haniel-Vertretern gegeben haben, diese seien allerdings unverbindlicher Natur gewesen.

Aus dem Umfeld von Karstadt und Benko heißt es ebenfalls, an erster Stelle stehe die Sanierung. Filiale für Filiale will Benko sich vornehmen. Denn Schließungen werden teuer: Das Auszahlen langfristiger Mietverträge wird jeweils mit vielen Millionen Euro zu Buche schlagen. Dazu kommen Abfindungen für die Mitarbeiter. Bei Signa legt man übrigens Wert darauf, dass Benko kein "Retter" sei, anders als sich Berggruen einst gab. Denn man fürchtet bei Signa die Fallhöhe: Vom Retter zum Versager war es bei Berggruen nicht weit.