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Verpackungen:Deutsche verursachen mehr Verpackungsmüll denn je

DEU, Deutschland, Baden-Württemberg, Esslingen, 26.04.2020: Take-away statt Restaurantbesuch. Der Außer-Haus-Verkauf wäh

Der Außer-Haus-Verkauf während der Corona-Krise lässt Mülleimer in den Städten überlaufen.

(Foto: Arnulf Hettrich/Imago)

Tüten im Meer, Mikroplastik, verendete Tiere: Die fernen Folgen ihres Konsums bekümmern die Deutschen. Doch die Abfallmengen wachsen weiter. Und mit der Pappe naht das nächste große Problem.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Der Schwarze Freitag kommt in diesem Jahr mit dem Paketauto. Normalerweise soll der Rabatttag Ende November die Menschen in die Städte locken, doch im Corona-Jahr 2020 wird das anders sein. Auch am "Cyber-Montag" drei Tage später und Weihnachten sowieso. Angesichts solcher "Mega-Shopping-Events", jubiliert schon der Paketversender DHL Express, erwarte man in diesem Jahr ein "Allzeithoch im weltweiten Onlinehandel", geliefert wird frei Haus. "Ein Eldorado für die Wellpappen-Industrie", sagt Katharina Istel, Konsumexpertin beim Naturschutzbund Nabu. Kartons, darin wieder Kartons, samt Styropor, Noppenfolie, Plastikhülle. Corona mag Wirtschaft und Konsum schwächeln lassen. Aber der Verpackungsmüll bleibt.

Am Dienstag hat das Umweltbundesamt Zahlen für das Jahr 2018 vorgelegt, sie markieren abermals einen Rekord. Fast 19 Millionen Tonnen Verpackungsmüll sind demnach im Land angefallen, so viel wie nie. 227,5 Kilo Verpackungen entfallen damit auf jeden Bundesbürger im Jahr, mehr als vier Kilo pro Woche. "Wir sprechen von allen Verpackungen von der Industrie bis zu Hause - also von der Palette bis zum Bonbonwickler", sagt Gerhard Kotschik, Verpackungsexperte beim Umweltbundesamt. Der Onlinehandel spiele eine große Rolle, aber auch ein Hang zu immer aufwendigeren Verpackungen. Selbst bei Kunststoffverpackungen gebe es einen Anstieg um 1,6 Prozent auf 3,2 Millionen Tonnen Abfall, sagt Kotschik.

Und das im Jahr 2018. Es war das Jahr der schier endlosen Plastikteppiche im Meer, des Mikroplastiks, der an Kunststoffabfällen verendeten Tiere. Ein Aufschrei ging durchs Land. Runde Tische zu Verpackungen wurden angebahnt, Pläne für weniger Plastik aufgestellt, Recyclingquoten angehoben. Eine Trendwende können Experten aber nicht erkennen, der private Verpackungsabfall wuchs sogar noch um ein Prozent gegenüber 2017. Verglichen mit 2010 liegt er sogar um mehr als ein Fünftel höher. "Es verändert sich einfach nichts", sagt Nabu-Expertin Istel. "Obwohl die Öffentlichkeit mittlerweile so sensibilisiert ist."

Zu den großen Trends zählt neben dem boomenden Onlinehandel auch der Hang zu kleineren Packungsgrößen. Das belegt auch eine neue Erhebung des Nabu zu Vorverpackungen bei Obst und Gemüse. Demnach ist die Zahl vorverpackter Produkte zwar zwischen 2016 und 2019 zurückgegangen - die Abfallmenge aber wuchs um 10 000 Tonnen. Denn während die Händler bei manchem Obst und Gemüse auf Verpackungen ganz verzichten, bieten sie vermehrt Mini-Gemüse oder Beeren in Kleinstpackungen an. "Positive Entwicklungen an der einen Stelle werden so durch negative Entwicklungen an anderer Stelle mehr als aufgehoben", konstatiert die am Dienstag veröffentlichte Studie.

Öko-Verpackungen sind oft gar nicht umweltfreundlich

Nicht nur Umweltschützer machen sich Sorgen. Gunda Rachut ist Chefin der Zentralen Stelle Verpackungsregister, auf ihr ruhen viele Hoffnungen beim Recycling von Verpackungen. Die Zentrale Stelle soll sicherstellen, dass diejenigen, die Verpackungen in die Welt setzen, auch für ihre Entsorgung geradestehen; der Bund hat sie mit dieser hoheitlichen Aufgabe beliehen. Doch in Supermärkten entdeckt Rachut neuerdings immer mehr sogenannte "Öko-Verpackungen". Und wenn sie die sieht, sagt sie selbst, "stellen sich mir die Nackenhaare auf".

Kunststoff wird hier durch - oft beschichtete - Pappe ersetzt, und zwar in rauen Mengen. Mit genügend Pappe lässt sich nämlich ein recyclingfähiger Anteil von 95 Prozent erreichen - und genau über solche Vorgaben diskutiert derzeit die EU. "Das heißt, da werden leichte Kunststoffverpackungen durch schwere Verbundmaterialien ersetzt", sagt Rachut: Pappe im Verbund mit einer dünnen Plastikfolie. "Aber die wenigsten Verbraucher trennen die Plastikfolie ab." Stattdessen wähnten sich die Kunden noch in dem guten Gefühl, mit der Pappverpackung etwas für die Umwelt zu tun. Auch Nabu-Frau Istel schwant: "Unser nächstes großes Thema werden Papierverpackungen."

2018 machte Pappe und Papier mehr als 44 Prozent aller Verpackungsmaterialien aus. Zwar lässt es sich gut recyceln, aber auch das verlangt einigen Ressourcenaufwand. Deutschland, sagt auch die grüne Umweltpolitikerin Bettina Hoffmann, "entfernt sich von den Zielen einer ressourcenleichten Kreislaufwirtschaft".

Die Pandemie dürfte den Trend zu immer größeren Mengen Verpackungsmüll damit erst einmal nur unterbrechen. Vor allem im gewerblichen Bereich - hier fällt rund die Hälfte der Abfälle an - dürften die Mengen coronabedingt zurückgehen. Allerdings ist es auch jener Bereich, der am wenigsten kontrolliert wird. Viele Verpackungen gehen hier immer noch in die Müllverbrennung.

Auch das Umweltbundesamt rechnet in diesem Jahr mit weniger Verpackungsmüll, schon der Rezession wegen. Schließlich gebe es da einen direkten Zusammenhang: Mehr Produkte führen auch zu mehr Verpackungen, heißt es bei der Dessauer Behörde. Allerdings werde in Zeiten der Pandemie mehr außer Haus gegessen. Das wiederum werde die "Serviceverpackungen" für Speisen und Getränke wachsen lassen, also Styroporschachteln und Coffee-to-go-Becher. "Verpackungen sollten vermieden werden, bevor sie überhaupt anfallen", wirbt Behördenchef Dirk Messner - und empfiehlt Verbrauchern, Mehrwegbecher oder -behälter mitzubringen, wenn sie Getränke oder Speisen kaufen.

Gunda Rachut freilich hat auch damit schon ihre Erfahrung gemacht. In einen mitgebrachten Becher wollte sie sich kürzlich an einer Tankstelle Kaffee einfüllen lassen. Doch der Tankwart lehnte empört ab. Aus Hygienegründen dürfe er keine fremden Becher annehmen, erklärte er: Corona. "Bekommen habe ich dann Kaffee im Einwegbecher", sagt Rachut. "Und den durfte ich in meinen Becher umfüllen."

© SZ

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